Anette & Horst in Kairo
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28.06.2023
Abschied von Kairo
Mit dem Ende des Schuljahres endet unsere Zeit in Kairo. Wir schauen auf ein abwechslungsreiches, interessantes Jahr zurück. Unseren Schritt, nach Ägypten zu gehen, haben wir keinen Tag bereut . Wir haben ein eindrucksvolles Land kennen gelernt, das uns mit seiner großen Vielfalt und Schönheit begeistert hat. In unseren Blogbeiträgen haben wir immer wieder von den faszinierenden Facetten erzählt: Pulsierende Millionenstadt und ruhiges Landleben, reiche Geschichte, Kunst und Kultur, unvergessliche Naturerlebnisse mit Wüsten, Küstenlandschaften und Riffen, im Niltal und in den Bergen. Besonders begeistert waren wir von der offenen, freundlichen und hilfsbereiten Zugewandtheit der Menschen. Aber wir erlebten auch ein Land, das vor großen Herausforderungen und Problemen steht.
Rückblickend können wir sagen, dass sich unsere Erwartungen an die Zeit in Ägypten voll erfüllt haben und durchweg positiv waren. Das hat uns ermutigt, noch ein weiteres Land mit unserem Modell von „work and travel“ zu bereisen. Deshalb schlagen wir im nächsten Schuljahr unsere Zelte in Georgien auf, wo Anette an der Deutschen Schule in Tibelissi (Tiflis) arbeiten wird. Wir sind schon sehr gespannt, welche Erfahrungen wir machen werden.
Auch von dort werden wir unsere Erlebnisse wieder mit euch teilen.
Ab September wird unser Blog https://www.a-und-h-in-georgien.de online sein, versprochen.
26.06.2023
Nichts für Vegetarier und zarte Seelen
Traditionell opfert jede wohlhabende Familie jährlich zum Eid Al Adha einen Paarhufer ihrer Wahl. Millionen lebender Tiere - vom Schaf bis zum Wasserbüffel - werden gekauft. Geschlachtet wird nicht nur in der Metzgerei, sondern auch auf dem Gehweg, im Hinterhof oder in der Garage.
Für gläubige Muslime ist wichtig, dass das Schlachten nach islamischem Glauben geschieht, von einem Muslim durchgeführt und mit einem Bismillah el rahman el rahim, (Im Namen des barmherzigen und gnädigen Gottes) begonnen und durch ein Gebet begleitet wird. Ein Drittel des Fleisches wird an Bedürftige verteilt, ein weiteres Drittel an Freunde und Verwandte verschenkt und das letzte Drittel wird vom Eigentümer des Tieres selbst behalten, um damit ein Festessen zuzubereiten.
Wegen der hohen Inflation - Fleisch ist im Vergleich zum letzten Jahr um 100 % teurer geworden - werden die Menschen ermutigt, nun auf das Opfertier zu verzichten und an dessen Stelle Geld zu spenden. Ob diese Idee ankommt? Gleichzeitig hat die Regierung den Import von 170 000 Stück lebendem Vieh angekündigt, außerdem 1000 Tonnen gefrorenes Fleisch aus Indien und 5000 Tonnen aus Brasilien.
Quelle: https://english.ahram.org.eg/NewsContent/3/12/502633/Business/Economy/Egypt-to-import-meat-from-India,-African-countries.aspx
25.06.2023
Eid El-Adha - der höchste Feiertag im Islam
Eid El - Adha, das Opferfest, geht zurück auf eine der sperrigen Geschichten der drei monotheistischen Religionen. Sie kommt uns heute äußerst befremdlich vor: Ein Vater soll sein Gottvertrauen beweisen, indem er seinen Sohn töten soll. Erst im letzten Moment stoppt Gott den Vater und lässt ihn anstelle des Sohns einen Widder töten, der zur Opfergabe auf dem Altar wird. So erzählt das Alten Testament aus dem Leben des Stammvaters Abraham, mit dem die Gottesverheißungen Gestalt annehmen. Abraham hatte aber tatsächlich zwei Söhne. Er war verheiratet mit Sara, die jedoch bis ins hohe Alter kinderlos blieb. Deshalb zeugte Abraham mit einer Leihmutter, der Sklavin Hagar, den Sohn Ismael. Später gebar Sara noch den Sohn Isaak. Ein Vater, zwei Söhne. Die Opferszene gibt es deshalb in zwei Varianten: Abraham mit Isaak, worauf sich Juden und Christen bei der Verheißungs- und Segenstheologie beziehen; Ibrahim mit Ismael, die im Islam von zentraler Bedeutung sind.
Beim islamischen Opferfest, das ab Mittwoch gefeiert wird und sich über eine Woche erstreckt, wird an diesen Glaubensgehorsam und das Gottvertrauen von Ibrahim erinnert, der bereit war, seinen Sohn Ismael zu opfern. Der Widder - oder ein anderes Tier - wird auch heute noch geopfert und das Fleisch an Bedürftige verteilt und bei Familienfesten verspeist. Gleichzeitig erinnert das Opferfest an die Barmherzigkeit Gottes und an Werte wie Glaubenstreue, Hilfsbereitschaft, Freundschaft und Versöhnung.
23.06.2023
Scharia – Ägyptens Verfassung ist islamisch geprägt
Meine Kollegin muss heute zum Gericht. „Du weißt, es müssen mindestens zwei Frauen sein, die gegen einen Mann aussagen,“ erklärt sie mir. Erst verstehe ich nicht, dann fällt es mir ein: In Ägypten fußt das Zivilrecht auf der Scharia. Und damit ist festgelegt, dass nach Koransure 2,282 die Zeugenaussage eines Mannes nur von zwei Frauen aufgewogen werden kann, denn „eine Frau allein kann sich irren“. Was uns eher an Mittelalter erinnert, ist erst im Jahr 2012 nach einer demokratischen Abstimmung der Bevölkerung in die Verfassung aufgenommen worden. Die Scharia hat ihre Wurzeln in den Regelungen einer arabischen Stammesgesellschaft des 7. und 8. Jahrhunderts, die als göttliches Recht später durch Theologen und Juristen ausgelegt und festgeschrieben wurden. Auf eine Anwendung des Strafrechts wurde verzichtet. In Ägypten führt insbesondere das Familien-, Erb- und Vermögensrecht oder das Recht auf Polygamie zu deutlichen Benachteiligungen der Frauen.
Meine ägyptische Kollegin erklärt mir zwar, dass durch die Scharia auf der Grundlage des Koran zentrale Werte wie Gerechtigkeit, Brüderlichkeit, Freiheit, Gleichheit und Menschlichkeit der Gesellschaft sicher gestellt seien und damit als islamisches Gegenstück zur Allgemeinen Grundlage der Menschenrechte der UNO zu sehen sei, aber dieses Verständnis teilt sie nicht mit der westlichen Welt, die eine Unvereinbarkeit zwischen Scharia und den allgemeinen Menschenrechten sowie demokratischen Prinzipien sieht.
20.06.2023
Kampf dem Plastik
An der Kasse im Supermarkt kennt man uns inzwischen und weiß, dass wir unseren Einkauf in mitgebrachten Taschen verstauen und auf die sonst üblichen zahlreichen Plastiktüten verzichten. Aber verstehen kann man es nicht! Dabei möchte Ägypten die Plastikflut tatsächlich verringern. Besonders die Flaschen für Trinkwasser stehen im Fokus der Bemühungen. Inzwischen bietet bereits die erste Supermarktkette am Eingang einen Sammelautomaten an. Zwar nicht mit Pfandsystem, aber mit Sammelpunkten für jede eingeworfene Flasche. Und erst kürzlich gab es ein Treffen zwischen dem ägyptische Umweltministerium und einem deutsches Recycling-Unternehmen. Dabei wurde erörtert, wie der Gebrauch von Einweg-Plastiktüten reduziert werden kann, gekoppelt mit Bewusstseinsbildung der Bevölkerung und mit Infrastrukturanforderungen für die Schaffung einer Kreislaufwirtschaft.
https://www.dailynewsegypt.com/2023/05/18/egypts-environment-minister-german-company-discuss-reducing-the-reliance-on-single-use-plastic-bags/
17.06.2023
James Bond war auch schon da!
Von der großen mittelalterlichen Geschichte Kairos erzählen heute nur noch wenige Straßenzüge und Gebäude. Vieles an historischer Bausubstanz wurde abgewohnt und abgewirtschaftet, anderes fiel städtebaulichen Eingriffen zum Opfer. Nicht nur in der jüngsten Vergangenheit, sondern bereits 1928! Damals gab es den Wunsch, freien Blick auf islamische Denkmäler zu ermöglichen. In der Folge wurden z. B. etliche Straßenzüge in der Nähe der großartigen Iben-Tulun-Moschee abgerissen. Übrig bleiben nur zwei benachbarte Wohnhäuser, eines aus dem Jahr 1540 und eines aus dem Jahr 1670, die beispielhafte Zeugnisse einer großartigen Architektur darstellen. Ein ehemaliger britischer Militärarzt, Gayer-Anderson, erkannte die Besonderheit der Gebäude und bat um Erlaubnis, sie zu bewohnen. Als Sammler ägyptischer Kultur und Antiquitäten stattete er die Räume mit traditionellem Mobiliar und Teppichen aus. Das Gebäude wurde so mehr und mehr zum Museum. Dass historische Kunstschätze in private Hände gerieten, ist nicht verwunderlich: Bis 1970 war in Ägypten der Handel mit Kulturgütern, selbst der Verkauf ins Ausland, uneingeschränkt möglich. Inzwischen wurde aus dem Gebäude ein Museum, das für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Es diente sogar als Drehort für einen James-Bond-Film mit dem Titel: „Der Spion, der mich liebte“.
15.06.2023
Schuljahresende auf ägyptisch
In den ägyptischen Schulen gibt es bereits seit Mitte Mai Sommerferien, die bis weit in den September dauern. Vier Monate findet keine Schule statt. „Bildungsentzug“ nannte es einer unserer Bekannten.
Deutsche Schulen im Ausland müssen 180 Tage im Jahr unterrichten. Deshalb fangen die Ferien an der Beverly Hills erst Ende Juni an – zumindest offiziell. Doch schon seit der Zeugniskonferenz dünnt sich der Schulbesuch merklich aus. Zwar sind die Kolleg*innen deshalb gehalten, bereits mit dem Unterricht des neuen Schuljahres nahtlos zu beginnen, aber das beeindruckt wenig: In der Mittelstufe kommen so wenige Schüler, dass derzeit immer vier Klassen zusammengelegt und gemeinsam unterrichtet werden. Auch in der Grundschule sieht es nicht viel besser aus. Auch hier fehlen bis zur Hälfte der Schulkinder. Viele Eltern sparen sich den Aufwand, das Kind täglich zur Schule zu fahren. Da jede Familie eine Nanny hat, ist die häusliche Aufsicht kein Problem. Wir versuchen gegenzusteuern, indem wir mit vielen interessanten und schönen Angeboten die Stimmung hoch halten. Es werden Theaterstücke einstudiert, Picknicks, Klassenfeiern, Ausflüge und Spieltreffs organisiert. Allerdings ist das Ergebnis nicht überzeugend.
14.06.2023
Kinderbespaßung
Wie in jeder Schule ist auch hier zum Schuljahresende ein Ausflug angesagt. Da die Temperaturen bereits auf die 40 Grad zugehen, erübrigt sich ein Ziel mit großen körperlichen Aktivitäten im Freien. Man geht in Indoor-Spielplätze oder zu „Farmen“, die sich auf Kinderaktivitäten spezialisiert haben und über klimatisierte Räume verfügen. Die zweiten Klassen fahren dieses Jahr zu Melindas Farm. Schon am Eingang begrüßt uns das Team von Paw Patrol, kostümierte Animateure, die gleich zum Tanzen einladen. Danach werden die Kinder in Gruppen eingeteilt und besuchen reihum verschiedene Workshops, die von reichlich Personal vorbereitet und begleitet werden. Die Kinder bemalen Gipsfiguren, backen ein Fladenbrot, hüpfen auf dem Trampolin, dürfen eine Runde reiten, füllen ein Töpfchen mit Erde und säen darin Salat. Auf der Farm leben Schafe, Ponys, zwei Riesenschildkröten und Enten sowie verschiedene Vögel, die gefüttert und gestreichelt werden dürfen. Die Kinder rennen von Station zu Station, um ja nichts zu verpassen. Verweilen wäre langweilig. Zum Abschluss gibt es noch ein Kasperl-Theater und eine Kinderdisco. Alles ist bestens organisiert. Wir Lehrkräfte sitzen daneben und trinken Kaffee.
09.06.2023
Von Einsiedlern und Mönchen
Ein Tagesausflug in das Wadi Natrun, ca. 100 km nordwestlich von Kairo, lässt uns auf den Spuren der Einsiedler wandeln. Hier steht die Wiege des europäischen Mönchtums, beginnend mit dem Heiligen Antonius (vermutlich 251 – 356 n. Chr.), der vom Evangelium angesprochen, sein Hab und Gut verschenkte, um in der Einsamkeit der Wüste ganz Gott zugewandt ein asketisches Leben zu leben. Seit Jahrhunderte leben - getreu diesem Vorbild - zahlreiche koptische Mönche im Wadi Natrun. Zeitweise waren es bis zu 7000 Eremiten, die sich lediglich am Sonntag zum Gottesdienst trafen. Auch heute ist der Zulauf zum Klosterleben in der koptischen Kirche ungebrochen und die Klöster gleichen in vielem immer noch einer losen Ansammlung von einzelnen Eremiten. Die Eingangsbedingungen sind hoch, sie sehen ein Alter zwischen 25 und 30 Jahren, den absolvierten Militärdienst sowie ein abgeschlossenes akademisches Studium vor. Nach dem zwei- bis vierjährigen Noviziat legen die Mönche ein Gelübde ab mit Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit. Nachwuchssorgen? Ein Fremdwort! Jedes Jahr müssen Bewerber abgelehnt werden, wurde uns glaubhaft versichert. Im Übrigen gibt es auch Frauenklöster, die aber nicht in der Weite und Verlassenheit der Wüste leben, sondern in bewohnteren Regionen angesiedelt sind. Alle koptischen Klöster leben bis heute direkt aus den Wurzeln des Heiligen Antonius. Reformbewegungen, die im Katholischen zu Orden wie Benediktiner, Franziskaner oder Kapuziner geführt haben, fanden im Koptischen nicht statt. Das Mönchtum prägt als zentrale Säule das kirchliche Leben und Klosterneugründungen in Europa oder den USA sind nicht selten.
Im Kloster Pishoy
Wir hatten das Glück, dass wir die vier Klöster im Wadi Natrun mit meiner koptischen Kollegin Selina besuchen konnten, die dort zahlreiche Kontakte hat. So stand in jedem Kloster ein Mönch für eine individuelle Führung bereit. In Pishoy lernten wir den deutschstämmigen Abbuna (Vater) kennen, der seit 20 Jahren als Arzt im Kloster Pishoy seinen Platz gefunden hat. Mit ihm leben und arbeiten hier zirka weitere 200 Mönche. Jeder hat seine eigene Zelle mit Schlaf-/Wohnraum, Küche und Bad. Außerdem leben bis zu 1000 (männliche) Arbeitskräfte auf dem Gelände, die bei der Landwirtschaft, in den Ställen, im Einkehrhaus, der Bibliothek und in den Werkstätten tätig sind.
Seit dem 4. Jahrhundert ist das Kloster ununterbrochen bewohnt. Ein Brunnen, aber auch eine Festung aus dem fünften Jahrhundert zum Schutz gegen Berber sowie der historische Speiseraum, in dem nach der Sonntagsmesse gemeinsam bei erbaulichen Lesungen schweigend gegessen wurde, die historische Mühle und die Reste der ersten Kirchen erzählen aus den Anfängen. Der Gründer, der Heilige Pishoy, zeichnete sich durch seine große Nächstenliebe aus. In der koptischen Tradition der Heiligenverehrung und großen orientalischer Erzählfreude geht eine der Legenden so: Jesus versprach, allen Mönchen an einem bestimmten Tag auf der Spitze eines Berges zu erscheinen. An diesem Tag eilten alle Mönche eifrig zum Gipfel. Nur der Heilige Pishoy folgte ihnen langsam mit seinem Wanderstab. Auf dem Weg traf er einen gebrechlichen Mann. Er half ihm auf und setzte ihn auf seine Schulter. Je weiter der Heilige Pishoy dem Gipfel zu ging, umso leichter wurde seine Bürde, bis der alte Mann auf seiner Schulter gänzlich verschwand. Da hörte er eine Stimme vom Himmel: „Weil du meinen Körper getragen hast, wird dein Körper nicht verwesen.“ Bis heute ruht der Körper in einem Reliquienschrein im Kloster, der täglich von vielen Menschen aufgesucht wird, um für Fürsprache und Hilfe zu beten.
Das Syrische Kloster
Wir verlassen das betriebssame Pishoy-Kloster, wo wir zum Schluss noch in der Ikonostasen-Schreinerei zu einer ausführlichen Besichtigung eingeladen waren. Nur wenige Meter weiter kommen wir zum sgn. Syrischen Kloster, das zwischen dem 8. und 14 Jahrhundert syrische Mönche beherbergte und ursprünglich nicht mehr als ein Kirche war, an dem sich die Eremiten-Mönche sonntags trafen. Die byzantinischen Fresken aus dem 12. und 13. Jahrhundert sind sehr sehenswert. Diese gut erhaltenen Kunstwerke zeigen, dass nicht nur die Lebensweise in den Klöstern, sondern auch die künstlerische Formensprache in der koptischen Kirche über die Jahrhunderte unverändert weitergegeben wurde und bis heute besteht. Auch hier zeigt uns der Mönch stolz die zahlreichen Reliquien. Zum Schluss führte er uns im Hof zu einer riesigen Tamariske. Klar, auch dazu gehört eine wundersame Geschichte, nämlich die Geschichte vom Baum des Heiligen Ephrem: Der Heilige Ephrem kam zu Besuch ins Syrische Kloster und wollte sich dort mit dem Heiligen Pishoy austauschen. Obwohl die beiden die Sprache des anderen nicht sprechen konnten, begann der Heilige Pishoy, in der Sprache des Gastes zu sprechen. Während des Gesprächs lehnte Saint Ephrem seinen Stab gegen die Tür der Einsiedelei. Er schlug Wurzeln und brachte Blätter hervor, die bis heute zu dieser stattlichen Tamarinde heranwuchs.
Das Paromeos-Kloster
Das Paromeos-Kloster, das älteste unter den heute noch existierenden vier Klöstern in der Sketischen Wüste, wurde vermutlich 335 n. Chr. gegründet. Sein Name lässt Anklänge an das Wort “Römer“ vermuten und soll an die Heiligen Maximus und Domitius erinnern, Kinder des römischen Kaisers Valentinian I., die ihre Klosterzellen an der Stelle des heutigen Klosters hatten.
Zwischen 859 und 880 wurde auch dieses Kloster zu einer Festung mit einem massiven Bergfried ausgebaut, um es vor den Angriffen der Berber und Beduinen zu schützen. Wie alle Klöster ist es reich an Reliquien und Altären, die in den noch vorhandenen fünf Kirchen zu sehen sind. Man ist stolz auf seine Heiligen und die großen Gelehrten bis hin zu einem Papst, der aus diesem Kloster entstammte. Übrigens wird der koptische Papst bis heute aus einer Mönchsgemeinschaft gewählt. Bei allen Traditionen hat sich das Kloster gleichzeitig für neue Entwicklungen geöffnet und verfügt über ein Exerzitienhaus und ein geräumiges Konferenzgebäude. In der koptischen Kirche wird nicht nur die Vergangenheit lebendig gehalten, sondern man bemüht sich ebenso engagiert um die Zukunft: Die Kinder- und Jugendarbeit ist überall von großer Bedeutung, ebenso die sozialen Dienste. Es gibt sogar ein eigenes Bischofsamt für soziale Dienste und Ökumene.
Das Kloster des heiligen Makarios
Um das Jahr 360 n.Chr. vom Heiligen Makarios gegründet, war es von Anfang an ein Zentrum für Eremiten aus zahlreichen Kulturen und gesellschaftlichen Schichten. Über viertausend Mönche, darunter Aristokraten, Bauern, Wissenschaftler oder Philosophen aus Ägypten, Griechenland, Äthiopien, Armenien, Nubien, Asien, Italien, Gallien oder Spanien lebten in weit verstreuten Zellen. Seitdem ist das Kloster ununterbrochen bewohnt. Heute zählen ca. 125 Mönche zur Gemeinschaft. Sie treffen sich zum Morgengebet von 3 Uhr bis 6 Uhr, bevor sie nach dem gemeinsamen Frühstück den Arbeitstag beginnen. Wir haben Gelegenheit, einen guten Teil der historischen Gebäude kennen zu lernen, mehrere Kirchen und die Festungsanlage. Dabei stellt sich heraus, dass der Mönch, der uns dabei begleitet, Ikonenmaler ist. Er nimmt uns mit in sein Atelier, das in der Mitte von Nirgendwo liegt. In einem anregenden Gespräch zeigt er uns seine Bilder und erklärt uns ausführlich die zahlreichen Arbeitsschritte und Besonderheiten. Ein leckeres Eis aus der klostereigenen Produktion – das Verpackungsdesign stammt auch aus seiner Hand – zeigt uns, wie der mönchische Dienst keinen Unterschied zwischen dem Dienst an Gott und den Menschen macht. Für beides gilt die Liebe als die einzige Regel des Klosters.
04.06.2023
Spannender Kulturmix
Wir sind bei 40 Grad in der Wüste unterwegs, auf dem Weg zur Halboase Fayoum. Schon von weitem sieht man die Palmen, Olivenhaine und grünende Felder in einer Senke, die bereits in pharaonischer Zeit als Überlauf bei den jährlichen Nilüberschwemmungen diente. Lange Zeit verlassen, wurde der Ort im 3. Jahrhundert v. Chr. von griechischen Veteranen der römischen Armee unter Ptolemaios II. wiederbelebt und die Stadt Karanis gegründet, um das fruchtbare Fayoum-Becken auszunutzen. Die Siedler brachten römische Kultur und Lebensgewohnheiten mit. Das trockene Wüstenklima hat den Ort sehr gut konserviert und bis heute lassen die gut erhaltene Wohnhäuser, von denen bisher nur ein kleiner Teil ausgegraben wurde, viel von den einstigen Bewohnern erahnen. Ganz römisch, gehörten auch öffentliche Badeanlagen dazu. Ebenso ist die Vermischung der Kulturen gut zu erkennen.
Die Tempelanlagen zu Ehren des Krokodilgottes geben davon ein beredtes Zeugnis. Auch die Bestattungskultur der Mumifizierung blieb in Karanis weiterhin üblich. Jetzt treten allerdings lebensechte Portraits der Verstorbenen an Stelle der Totenmasken. Die in Enkaustik oder Eitempera auf Holztafeln gemalten Bilder werden auf den Kopf der Mumien gelegt. Leider gingen, wie bei vielen Ausgrabungen, die Fundobjekte in den Besitz der ausländischen Ausgrabungsteams über. Alleine 45 000 Objekte von Karanis befinden sich heute in Michigan, USA, lediglich ein kleiner Teil wird in Kairo aufbewahrt. In Kom Ushim, wie Karanis heute heißt, verblieb nur ein einziges Portrait als Erinnerung an die große Geschichte dieses Ortes.
Überall ein Teppich aus römischen Tonscherben
Tonnengewölbe über dem römischen Bad
Blick auf die Fayum-Senke
Getreide-Mörser
Krokodilbecken im Tempel
Reste der Tempelanlage
Mumienportrait (heute Eton College, Windsor, England)
Mumienportrait (heute im Metropolitan Museum, New York)
Mumienportrait (heute im Louvre, Paris)
01.06.2023
Ich kenn‘ da jemand…
Gut vernetzt zu sein, ist in Ägypten von großer Bedeutung. Ein Freund bei der Polizei, ein Bekannter in einem Amt – ein einflussreicher persönlicher Kontakt hilft in jeder Problemlage weiter. Auch in der Schule passiert es immer wieder, dass Eltern sich an ihren Freund im Schulministerium wenden, von wo aus postwendend jemand bei unserer Schule auf der Matte steht und deutlich klarlegt, wie etwas zu laufen hat, wie mit einem Schüler zu verfahren ist oder dass ein Kind an der Schule aufgenommen werden muss, obwohl alle Klassen voll sind.
Oder wie unlängst bei einem Unfall erlebt, als ein dicker BMW auf unser Taxi auffuhr. Die Verursacherin entschuldigte sich mit „Sorry, Blackout“ und damit war für sie der Fall erledigt, wohlwissend, dass sie die besseren Beziehungen hat. Der Taxifahrer geht leer aus und bleibt auf dem Schaden sitzen.
27.05.2023
Wo die Wüste grün wurde
Wir verbringen das Wochenende auf einer Farm, ca. 40 km außerhalb von Kairo, deren Anbauflächen für Getreide, Gemüse, Heilpflanzen und Kräuter biologisch-dynamisch bewirtschaftet werden, wo Kühe muhen und Schafe blöken und dazwischen Handwerksbetriebe, Abfüllanlagen, Kindergarten und Schulen ganz selbstverständlich von einem umfassenden, ganzheitlichen Ansatz erzählen. Sich vorzustellen, dass diese blühende Landschaft mit ihrer wohltuenden Atmosphäre noch 1977 nichts als eine kahle, menschenfeindliche Wüste war, fällt schwer. Die eindrückliche Veränderung geht zurück auf die Vision von Ibrahim Abouleish, einem Ägypter, der in Österreich studiert und gelebt hatte und stark anthroposophisch orientiert war. Er gründete SEKEM mit der Idee, dass ein erfolgreiches Unternehmen gleichzeitig ein soziales und kulturelles Zentrum im Dienst an den beteiligten Menschen sein kann und in der alle wirtschaftlichen Tätigkeiten im Einklang mit ökologischen und ethischen Prinzipien stehen. Etwa 2000 Menschen finden Arbeit in Sekem. Inzwischen sind auch die Dörfer in der Umgebung einbezogen und die Bauern erhalten als Vertragsbauern Anleitung für biologisch-dynamisches Wirtschaften sowie eine existenzsicherende Abnahmegarantie. Inzwischen sind weitere großflächige Landwirtschaftsareale in abgelegenen Wüstengebieten entstanden. Dadurch wird u. a. die hohe Qualität bei den Erzeugnissen sichergestellt, was im Kairoer Umfeld durch den starken Luftschadstoffgehalt nicht garantiert ist.
Die in Sekem entwickelten Methoden waren so erfolgreich, dass nach ihrem Vorbild die Baumwolle in Ägypten pestizidfrei angebaut wird. Auch international fanden die landwirtschaftlichen Produktionsmethoden Beachtung und Anerkennung. U. a. wurde Sekem 2015 für seinen Einsatz von der Konferenz der Vereinten Nationen zur Bekämpfung von Wüstenbildung mit dem „Land for Life Award“ ausgezeichnet.
Die SEKEM-Produkte werden nicht nur in Ägypten vertrieben. Wer von euch schon mal im Bioladen Dattelkonfekt von Davert oder Teebeutel von Sonnentor und Lebensbaum gekauft hat, wer Sesamriegel oder Hülsenfrüchte von Rapunzel und Alnatura verzehrt, Alana-Bio-Kinderkleidung von dm im Schrank hat, der hält ein Stückchen von der Sekem-Vision in Händen.
15.05.2023
Kunst zwischen Diesseits und Jenseits
Schon bei unserem ersten Besuch hat uns die koptische Kommunität von Anaphora fasziniert, die ganzheitliche Spiritualität inmitten der Wüste lebendig werden lässt. Die zugewandten Menschen, blühende Büsche, fruchtbare Felder, Wasserbecken, lauschige Ecken, die einfache, aber sehr wohlschmeckende Küche und die Übernachtung in schlichten, formschönen Gästehäusern machen Anaphora zu einem besonderen Ort. Hier ist jede und jeder willkommen, sowohl bei Workshops und Tagungen der koptischen Gemeinschaft wie auch Gäste aller Art. Eine besondere Erfahrung ist der Besuch der unterirdischen Kirche. Sie ist über und über bemalt in Art einer riesengroßen Bilderbibel, deren Darstellungen die byzantinisch-koptische Bildersprache mit aktualisierten Elementen vereinen. Somit werden die Wandgemälde zum Mittler zwischen Diesseits und Jenseits. Wir konnten uns nicht satt sehen an den Wänden und Decken mit den farbenprächtig gestalteten biblischen Geschichten. Wie schade, dass sich diese Pracht bei den Fotos nur erahnen lässt.
12.05.2023
Unterwegs im Wadi Hitan
Ägypten wartet kulturell nicht nur mit den Pyramiden auf, sondern hat uns auch mit seinem paläontologischen Reichtum beeindruckt.
Ein besonderes Schatzstück ist das Wadi Hitan. Hier hat vor 60 Millionen Jahren im urzeitliche Thethys-See zwischen üppigen Mangrovenwäldern der Archeoceti gelebt, eine Walart zwischen Land- und Meereslebewesen. Erst in jüngster Vergangenheit wurden Hunderte von gut erhaltenen Fossilien im Sand durch Wind freigelegt, ebenso wie versteinerte Reste von Korallen, Dugongs, Basilosauriern und Meeresschildkröten. Überall glitzern Perlmuttstückchen im Sand und erzählen von Muscheln und Meeresschnecken aus einer Zeit, als diese trockene Wüste eine Lagune mit vielfältigem und artenreichem Leben beherbergte. Ein Teil der Fossilien ist direkt am Fundort verblieben. So kann man ganz bequem zwischen den faszinierenden Zeugnissen der Vorgeschichte spazieren gehen. Das angegliederte Museum ergänzt mit gut aufbereiteten Infos und sensationellen Ausstellungsstücken den spektakulären Blick in die Urzeit.
29.04.2023
Gesundheitsvorsorge und Monitoring in der Schule
An jeder ägyptischen Schule gibt es ein Krankenzimmer für die Erstversorgung. An einer Privatschule steht dazu sogar eine Ärztin zur Verfügung. Dort werden nicht nur kleinere Behandlungen, sondern auch regelmäßig staatliche Gesundheitsprogramme durchgeführt. Sozusagen der Ort der U-Untersuchungen. Ebenso werden hier alle Schulkinder geimpft und nehmen an staatlichen Monitorprogramme wie Erhebung von statistischen Werten wie Größe und Gewicht, Eisengehalt im Blut, Diabetes usw. teil. Allerdings nimmt unserer Meinung nach die Gesundheitserziehung im Sinne von Vorsorge nur einen sehr geringen Stellenwert ein. Themen wie gesunde Ernährung sind noch wenig im Fokus. So gibt es beim Schulkiosk fast nur Chips und Softdrinks. Einzige pädagogische Begrenzung: Der Einkauf für Klasse 1 und 2 ist auf ein Mal pro Woche begrenzt. Erfreulicherweise haben die meisten Kinder in ihrer Vesperbox recht ausgewogenes Essen dabei. Aber wir sind ja auch eine Schule mit hohem Bildungsbewusstsein….
Gesundheit je nach Geldbeutel
Was macht man, wenn man in Ägypten krank wird? Man ruft seinem Hausarzt an und er kommt - ganz wörtlich - ins Haus. Eine Haus- oder Facharztpraxis, wie wir sie aus Deutschland kennen, gibt es nicht. Alternativ geht man in eine Klink, wo die Ambulanz alle Aufgaben einer Hausarztpraxis übernimmt. Vor der Behandlung steht die Bezahlung mit Vorkasse, es sei denn, man ist über die staatliche Krankenversicherung versichert. Doch das Gesundheitssystem ist stark unterfinanziert und sichert nur die Minimalversorgung. Zudem gilt die Versicherung nur für den öffentlichen Dienst und Beschäftigte mit privatwirtschaftlichen Arbeitsverträgen. Wer in der Landwirtschaft, im Kleingewerbe oder im informellen Sektor arbeitet, hat in der Regel keine Krankenversicherung. Dann bleibt nur die Behandlung in einer kleinen Gesundheitsstation vor Ort oder - bei komplexeren Erkrankungen - in einer der völlig überlasteten Universitätsklinken. Wie in vielen Bereichen trifft man auch bei der Gesundheit auf den krassen Unterschied zwischen Habenden und Habenichtsen. Öffentliche Kliniken sind personell unterbelegt, schlecht ausgestattet und insgesamt in einem desolaten Zustand. Nur private Krankenhäuser haben einen hohen Standard. Deshalb bedeutet für viele Menschen, dass sie sich Krankheiten schlicht nicht leisten können.
Ägyptische Schwergewichte
Ägypten leidet an Übergewicht. 70 % der Erwachsenen sind zu dick, mehr als jeder dritte Erwachsene ist sogar adipös. Diese kollektive Gesundheitskrise hat kulturelle und soziale Ursachen. Zum einen liegt es an der Ernährung, die traditionell stark kohlehydrathaltig ist. Zudem sind das Nationalgericht Kosheri, im Fett frittierte Falafeln oder die großen Mengen an Brotfladen sehr, sehr preisgünstig, da ihre Zutaten staatlich subventioniert sind. Dagegen sind Obst und Gemüse deutlich teurer und für viele Ägypter*innen immer weniger erschwinglich. Gleichzeitig gilt körperliche Bewegung - außer im Fitnessstudio - als Merkmal von Armut. Die meisten Ägypter*innen sitzen den gesamten Tag. In der Freizeit sind Familientreffen der wichtigste Zeitvertreib, bei denen viel und gut zu essen zentraler Bestandteil sind. Da gehört es zur Gastfreundschaft, z. B. Unmengen an Süßigkeiten und stark zuckerhaltigem Tee aufzutischen.
In der Stadt ist alles auf Autos ausgelegt. Selbst kurze Wege werden motorisiert zurückgelegt. Außerdem gibt es für alles Lieferdienste. Wenn wir in unserem „Besseren-Leute-Viertel“ zu Fuß zum Supermarkt unterwegs sind, schauen uns die Autofahrer*innen irritiert an. Doch vor einigen Tagen trafen wir tatsächlich auf weitere Fußgänger, einen jungen Mann mit seiner Mutter, die uns freundlich grüßten. Verwundert entfuhr es uns: „Ägypter, die zu Fuß gehen?“ „Nein, wir kommen aus dem Jemen!“ war die Antwort und gemeinsam lachten wir über unsere Erfahrungen als Fußgänger.
22.04.2023
Kindheit in Ägypten
Etwa ein Drittel der ägyptischen Bevölkerung ist jünger als 14 Jahre. Ihre Lebenswelten sind, abhängig von der sozialen Herkunft und den wirtschaftlichen Verhältnissen, sehr unterschiedlich. Die Kinder aus wohlhabenden Familien besuchen gute Privatschulen und werden durch zahlreiche Freizeitaktivitäten gefördert. Sie genießen viele Freiheiten in der Familie und erleben wenig Konsequenz in der Erziehung. Gleichzeitig müssen sie Leistung erbringen: In der Schule soll es stets die Note 1 sein, beim straffen Vereinssport wird die Goldmedaille erwartet und während der gerade beendeten Fastenzeit mussten Siebenjährige wie Erwachsene fasten, obwohl das nicht religiös begründet ist. Oft werden sie von Nannys (Kindermädchen) aus dem südlichen Ägypten oder angrenzenden Nachbarländern betreut, die rund um die Uhr in der Familie leben. Die Kinder werden gut behütet und bewacht. Man erzählt sich Geschichten von „gestohlenen“ Kindern für den Organhandel. Unsere Schule ist deshalb nicht nur von einem hohen Zaun umgeben, sondern beschäftigt auch jede Menge Sicherheitspersonal, das die Schüler*innen am Schultor nur an ausgewiesene Personen übergibt. Ebenso wird jedes Auto, das unser eingezäuntes Wohngebiet verlässt, bei der Ausfahrt vom Wachpersonal kontrolliert, u. a. wird der Kofferraum auf entführte Kinder untersucht.
Dem gegenüber steht das Schicksal von Millionen von Kindern, die am Rand der Gesellschaft leben, mit schlechten Startbedingungen, fehlenden Bildungschancen und ungewisser Perspektive. Ihre Situation hat sich in den letzten Monaten massiv verschlechtert. Sie leiden unter Mangelernährung und haben keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Kinderarbeit ist, u. a. in der Landwirtschaft, an der Tagesordnung. Vor allem auf dem Dorf werden viele Mädchen immer noch beschnitten, auch wenn dieser brutale Eingriff in ihr Leben inzwischen gesetzlich verboten ist.
Im März 2014 hatte der heutige Präsident Abdel Fattah Al-Sisi der Bevölkerung versprochen: „Die Ägypter verdienen ein besseres Leben. Sie verdienen ein Leben in Würde, Sicherheit und Freiheit und haben das Recht auf Arbeit, Nahrung, Bildung, Gesundheitsversorgung und Unterkunft, die allen Ägyptern zur Verfügung stehen muss.“
Und heute? Auf die Umsetzung dieser Verbesserungen wartet die Bevölkerung noch immer.
Kindergarten - Bildung von Anfang an
Noch mehr als in Deutschland stellt sich in Ägypten die Frage, welcher Kindergarten der richtige für mein Kind ist. Wer es sich leisten kann, schickt sein Kind in einen privaten Kindergarten. Dessen Profil punktet oft mit einem Sprachangebot, das für den anschließenden Schulbesuch wichtig ist. Auch unsere Schule hat einen Kindergarten, bei dem der systematische Erwerb der deutschen Sprache zentral ist. Die Erzieherinnen sind meist berufsfremde deutsche Quereinsteigerinnen oder deutschsprachige Ägypterinnen, die hausintern und über den deutschen Auslandsschuldienst berufsbegleitend geschult werden. Die Aufnahme in den Kindergarten erfolgt nach einem Einstufungstest, in dem Entwicklungsstand und Sprachfähigkeit abgeprüft werden. Nach erfolgreichem Test wird das Kind in einer Klasse von Gleichaltrigen aufgenommen. Der Kindergartenalltag ähnelt dem Schulunterricht. Im Zentrum steht der Sprachunterricht. Dabei wird die Sprache systematisch durch ein straff organisiertes umfassendes Programm gelernt, aber auch mit viel Kunst- und Musikunterricht. Spielzeug sucht man in den Räumen allerdings vergebens, freie Spielzeit ist kaum vorgesehen. Lediglich auf dem kleinen, sehr bescheidenen Spielplatz können sich die Kinder - nach Stundenplan - frei bewegen. Wer im Kindergarten das Niveau nicht schafft, bleibt sitzen und muss das Jahr wiederholen. Die Eltern stehen voll hinter dem System und fordern von ihren Kindern höchste Leistung. Schließlich sollen sie am Ende die Zulassung zum Besuch der deutschen Schule erhalten. Das Ergebnis ist beeindruckend: 95 % der Kinder kommen mit vier Jahren in den Kindergarten, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen oder jemals in ihrem Umfeld zu hören. Nach zwei Jahren verstehen und sprechen die Kinder die deutsche Sprache und können in der Grundschule an einem einsprachigen deutschen Unterricht erfolgreich teilnehmen.
21.04.2023
Beeindruckende Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit
Immer wieder sind wir aufs Neue beeindruckt von der Freundlichkeit der Ägypter*innen. Bis heute haben wir keine Situation erlebt, die wir als übergriffig oder gar beängstigend empfanden. Kleine Ausnahmen gibt es lediglich an touristischen Hotspots, wo gelegentlich allzu aufdringliche Händler auf ihre Angebote aufmerksam machen. Überall sonst - ob in der Stadt oder auf dem Dorf, im Bazar oder auf der Straße – werden wir freundlich wahrgenommen, ruft man uns "Welcome to Egypt" zu, kommt mit uns ins Gespräch und umgibt uns mit einer herzlichen Hilfsbereitschaft.
Ein besonders eindrückliches Beispiel erlebten wir, als Horst während eines Ausflugs in die Stadt sein Handy im Uber-Taxi liegen ließ - ein Supergau, wie ihr euch vorstellen könnt! Aber über die Onlinebuchung konnten wir schnell den Kontakt zum Fahrer herstellen, der allerdings kein Englisch sprach. Sofort fanden sich Leute, die wiederum Leute aktivierten, die dolmetschen konnten. Sie arrangierten einen Treffpunkt und sorgten dafür, dass wir mit dem Auto hingebracht wurden, wo wir dann das Handy wieder in Empfang nehmen konnten. Die ganze Aktion hat keine 30 Minuten gedauert, und ihr könnt euch vorstellen, wie uns allen ein Stein vom Herzen fiel, als Horst sein Handy wieder hatte. Das ist Ägypten, wie wir es kennen und lieben gelernt haben! Ob es in Deutschland für Ausländer ebenso abgelaufen wäre?
21.04.2023
Zweitjob
Bei immer mehr Ägypter*innen reicht das Geld nicht mehr bis zum Monatsende. Die Versuche der Regierung dagegen anzugehen, sind marginal. Zwar wurde ein Sozialpaket verabschiedet, durch das z. B. Bedürftige in den Genuss von verbilligten Lebensmitteln kommen. Auch der Mindestlohn für Regierungsangestellte wurde angehoben und staatliche Pensionen um 15 % erhöht, aber das Einstiegsgehalt für einen Master-Abschluss liegt jetzt bei 177 Euro, mit einem Doktortitel bei 206 Euro. Damit bleibt die Lücke selbst bei der Mittelschicht auf Grund der hohen Inflationsrate sehr groß. Die Angst der Regierung, ein zweiter Arabischer Frühling könnte entstehen und wie 2011 könnten sich Menschenmengen auf dem Tahrirplatz sammeln, ist nicht zu übersehen. Gegengesteuert wurde mit Gesetzen, die „Verleumdungen“ und „Fehlinformationen“ unter massive Strafe stellen. Die Zivilgesellschaft ist nur schwach organisiert. Derzeit ist der Unmut unter der Decke. Es bleibt den Menschen nichts anderes übrig, als sich einen Zweit- oder gar Drittjob zu suchen, um einigermaßen über die Runden zu kommen. Auch den arabischen Lehrkräften an unserer Schule geht es nicht anders: Der Sportlehrer trainiert mehrere Sportclubs, die Musiklehrerin macht Kinderfreizeitanimation und viele Deutschlehrkräfte unterrichten an Fremdspracheninstituten. Da ist es keine Seltenheit, dass ein Kollege online für eine deutsche Organisation Pflegekräfte auf den Philippinen unterrichtet, um sie für den deutschen Arbeitsmarkt sprachlich fit zu machen. Ironisch: Ob man demnächst wegen des aktuellen Lehrermangels auch deutsche Schulkinder online aus Ägypten unterrichten wird?
19.04.2023
Ramadan
Morgen geht der Fastenmonat Ramadan zu Ende. Im Ramadan wird zwar am Tage gefastet, aber am Abend wird mit umso mehr und besonderen Speisen gefeiert. Ramadan ist auch eine Zeit der Solidarität mit Bedürftigen. Deshalb veranstalten Wohlhabende an zentralen Plätzen, auf den Gehwegen und vor den Geschäften ein öffentliches Fastenbrechen, wo gedeckte Tische aufgebaut werden, an denen Bedürftige und Passanten zum Essen eingeladen sind. Auch auf der Straße kann es passieren, dass man durch das geöffnete Autofenster gleich nach Sonnenuntergang ein Vesperpaket oder Getränke gereicht bekommt. Diese Wohltätigkeitsaktionen sind in diesem Jahr dringender denn je, da immer mehr Menschen unter der Armutsgrenze leben, nachdem die Lebensmittelpreise in den letzten Monaten in die Höhe geschossen sind. Der Grund für die massiven Teuerungen liegen in der Importabhängigkeit der ägyptischen Wirtschaft, z. B. bei Weizen, Mais, Öl und Viehfutter. Die Regierung subventioniert Grundnahrungsmittel, die an Bedürftige verkauft werden. Auch an unserer Schule wurde Geld gesammelt für eine Organisation, die Bedürftige mit zusätzlichen Lebensmitteln zu versorgt. Eine Inflationsrate von 40 % setzt aber auch der Mittelklasse zu und erfordert Einsparungen. So verzichteten z. B. viele der einheimischen Kolleg*innen auf die sonst üblichen Essenseinladungen im Verwandtenkreis, da sie, bedingt durch die Kostensteigerung, nicht mehr erschwinglich sind.
18.04.2023
Sendepause… vorüber
Habt ihr euch schon gewundert, was mit uns los ist? Immerhin haben wir fast vier Wochen nichts von uns lesen lassen… Aber kein Grund zur Sorge! Wir hatten Gäste, denen wir das Leben in Kairo und seine vielen Sehenswürdigkeiten zeigen konnten. So verbrachten wir mit ihnen eine wunderschöne Zeit, die wir mit ein paar Urlaubstagen in Hurghada abschlossen. Dort lud das Meer in der Makadi Bay zum Schnorcheln ein und zeigte uns wieder einmal die Schönheit, aber auch die Bedrohtheit der Unterwasserwelt. Die Schäden von der massiven Nutzung durch Touristen und Ausflugsboote sind nicht zu übersehen. Wie lange hier wohl noch die bunten Fische ein Zuhause haben werden?
25.03.2023
In der Schwarzen und Weißen Wüste
Außerhalb des fruchtbaren Niltals besteht Ägypten vor allem aus Wüste. Doch nicht alle Wüsten sind gleich und sie entsprechen schon gar nicht überall der landläufigen Vorstellung von unendlichem Sand. Ein langes Wochenende steht auf dem Kalender und damit eine gute Gelegenheit, die Westliche Wüste kennen zu lernen. Da Ägypten touristisch sehr gut erschlossen ist, buchen wir ein Komplett-Arrangement im nächsten Reisebüro. Im Kleinbus treffen wir auf englische, japanische, mexikanische und australische Reisende. Unser erstes Ziel ist die Oase Bahariya, rund 350 km von Kairo entfernt. Von dort bringen uns Beduinen mit ihren modernen Kamelen, den 4x4 Landcruisern, in die Schwarze Wüste. Sie ist das Ergebnis von Plattentektonik aus der Jurazeit, mit vulkanischen Aktivitäten, die Berge von dunklem Gestein, dem Dolerit, auswarfen. Die Erosion hat die Berge abgetragen und eine Schicht schwarzen Staubs und Felsen zurückgelassen. Viele Kilometer lang fahren wir durch Zeugenberge, große und kleine Hügel und von schwarzen Steinbrocken bedecktem Sand. Daran schließt sich die Weiße Wüste an, die inzwischen als Nationalpark geschützt ist. Das Tal von Agabat befand sich vor Millionen von Jahren unter dem Meer. Im Laufe der Zeit entwickelten sich einzigartige erstaunliche Felsformationen aus Kalkstein, Kreide und Sand, die wie ein unendlicher Skulpturenpark anmuten. Nicht nur weiße Kalkfelsen, sondern auch der in der Sonne glitzernde Kristallberg aus Calcit und Quarzit lassen uns die Wunder und Vielfalt der Natur bestaunen. Die riesigen Sandberge laden zum Sand-Boarden ein, die Wüstenvariante des Snow-Boardens. Wir übernachten unter einem phantastischen Sternenhimmel, ungetrübt von künstlichen Lichtquellen. Überall ist unbeschreibliche Stille. Dass es trotzdem in dieser unwirtlichen Gegend Leben gibt, beweist ein Wüstenfuchs, der sich in unsere Nähe traut.
23.03.2023
Ramadan Kareem
Inzwischen hat der Ramadan angefangen. Diese Zeit ist, bei aller Entbehrung während des Tages, auch eine Zeit der Festlichkeiten. Überall wünscht man sich „Ramadan kareem“ - fröhliches Feiern. Die Häuser und Straßen werden mit Laternen, Mond und Sternen liebevoll geschmückt und vieles erinnert an die deutsche Vorweihnachtszeit.
Ramadan ist nicht privat, sondern - wie Religion überhaupt - immer auch eine öffentliche Angelegenheit. In Erinnerung an die Offenbarung des Korans wird nicht nur gefastet, sondern der Ramadan regt auch zu positivem Lebenswandel an. Es wird an allen erdenklichen Plätzen der Gebetsteppich ausgerollt und jeder betet, wo er sich gerade befindet. Auch beim Fasten weiß sich die gesamte Gesellschaft vereint. Die gemeinsame Erfahrung der Entbehrung schweißt zusammen. In jeder Familie wird gefastet. Zwar ist die Teilnahme am Fasten erst ab dem Alter von zehn Jahren vorgeschrieben, aber bereits viele Grundschulkinder fasten freiwillig für einzelne Tage oder am Wochenende. Dass es Muslime gibt, die nicht fasten, ist hier schlichtweg unvorstellbar. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit werden die Straßen menschenleer, alle strömen zum täglichen Fastenbrechen nach Hause. Dann wird gemeinsam gegessen, anschließend im Kreis der Familie oder mit Freunden zusammen gesessen oder man trifft sich bei Veranstaltungen.
Ramadan-Laternen
Im Ramadan wird die Nacht zum Tage. Deshalb ist Ramadan ohne Licht nicht vorstellbar. Überall hängen jetzt dekorative farbenfrohe Laternen in allen Größen, in den Straßen, Häusern, auf den Basaren und natürlich auch in der Schule. Lange waren die Laternen ein Geschenk an die Kinder, die sie fröhlich auf den Straßen schwenken, während sie das Lied „Wahawi ya Wahwai” in ägyptisch-arabischem Dialekt anstimmen, was so viel wie „Grüße an den Mond“ bedeutet. Inzwischen wurden sie als stimmungsvolle Dekoration in allen Bereichen entdeckt. Viele sind in Handarbeit entstanden. Metall und Glas werden zugeschnitten und zusammengefügt und danach bemalt und dekoriert, oft mit Kalligrafie oder mit folkloristischen Mustern. Andere sind mit dem typisch ägyptischen Ramadanstoff bezogen. Gefertigt werden die Laternen meist in kleinen Werkstätten, die seit Generationen von denselben Familien geführt werden. Als vor einigen Jahren chinesische Billigware den einheimischen Markt überschwemmte und die lokalen Handwerker fast in den Ruin trieb, hat das ägyptische Handelsministerium interveniert und den Import von Ramadan-Laternen und anderen traditionellen Kunsthandwerk-Produkten verboten.
20.03.2023
Muttertag
Am 21. März wird in Ägypten der Muttertag gefeiert. Man ist, wie bei so vielem, sehr stolz darauf, dass die Wurzeln ins alte Ägypten zurückreichen. In diesem Fall ist es die Erinnerung an die Göttin Isis, die mit ihrem Sohn Horus der Idealvorstellung als Mutter und Frau entsprach. Diese Feier war verbunden mit der Flut des Nils, dem Ursprung des Lebens und der Fruchtbarkeit.
Auch in Ägypten hat sich seit den alten Pharaonen die Rolle der Frau gewandelt. Aber kritische Töne bezüglich des Muttertags haben wir keine wahrgenommen. Für die Schule bedeutet der Muttertag auf jeden Fall ein willkommener Anlass zum Feiern. Ein Bühnenprogramm mit vielen Muttertagsliedern, Gedichten und Tänzen und auch selbstgebastelte Geschenke dürfen nicht fehlen. Nach den Vorführungen gibt es eine riesige Tafel voller mitgebrachter Leckereien.
Positiv an den vielen Festen ist, dass es den Austausch in der Schulgemeinschaft stärkt und eine gute Möglichkeit ist, die Elternschaft, die aus einem weitem Umkreis kommt, miteinander ins Gespräch zu bringen.
Übrigens kommt die nächste Gelegenheit zum Feiern schon in drei Tagen: Am Donnerstag beginnt der Fastenmonat Ramadan, anlässlich dessen Beginn ein Tag schulfrei ist.
17.03.2023
Funday = Talentshow
In einem entspannten Rahmen mit viel Begegnung und Austausch, zwischen Imbissständen und Hüpfburgen, genoss die Schulgemeinschaft wieder einmal die Möglichkeit, miteinander zu feiern. Auffallend war für uns das starke Übergewicht an sportlichen Darbietungen. Kein Wunder, denn exzellente Sportleistungen werden vom Elternhaus sehr stark gefördert – oder wie unsere Schulpsychologin sagt: „Ägypten hat eine massive Sportmanie!“
Es war ein tolles Spektakel mit zahlreichen Sportvorführungen, Musikdarbietungen und Tanzshows, das die ganze Bandbreite der Talente zeigte, die an unserer Schule vorhanden sind. Der Tag begann um 8 Uhr mit einem „Marathonlauf“. Weil hier niemand aus Vergnügen zu Fuß geht und das Klima auch nicht besonders zum Laufen animiert, umfasste die Strecke tatsächlich, je nach Altersgruppe, keinen Marathon, sondern lediglich eine Entfernung von 1 bis 4 km. Das Startgeld wurde an eine caritative Organisation gespendet. Nach dem Lauf hatte man auf dem Schulgelände die Gelegenheit, sich zu stärken. Dort stellte auch eine Fahrradfirma ihre Räder zum Ausprobieren zur Verfügung - ein Beitrag zur dringend notwendigen Verkehrswende in Kairo.
04.03.2023
Ewigkeit in Stein und Gold
Wer Ägypten besucht, sollte auf jeden Fall die Schätze aus dem Grab von Pharao Tutanchamun gesehen haben. Zwar wurde er vor rund 3 300 Jahren im heutigen Luxor bestattet, aber seine Grabbeigaben sind das Herzstück der Sammlung des Museums für ägyptische Altertümer in Kairo. Ebenso werden im Museum beeindruckende Exponate aus anderen Epochen der Pharaonenzeit ausgestellt. Eigentlich hatten wir gehofft, diese Reichtümer im neuen ägyptischen Museum bewundern zu können. Aber wie so oft bei solchen Großprojekten – immerhin geplant auf einer Fläche von 50 Hektar und einer Bausumme von über einer Milliarde Euro – verzögert sich die Fertigstellung dieses „Geschenk Ägyptens an die Menschheit“, wie es von den Verantwortlichen selbstbewusst bezeichnet wird. Deshalb besuchen wir das zwar schon sehr ausgedünnte, aber noch immer reichhaltig bestückte archäologische Museum im Stadtzentrum. Dort stehen wir vor den Statuen zahlreicher bedeutender Pharaonen, schauen Totenmasken und Mumien in die Augen und bewundern ihre Schönheit und die Kunstfertigkeit ihrer Hersteller. Während man in Europa froh war, endlich Waffen aus Bronze herstellen zu können, um erfolgreicher das Nachbardorf bekriegen zu können, legte man in Ägypten größten Wert auf phantastisches Kunsthandwerk aus Stein, Gold, Silber, Papyrus und anderen Materialien, um sich für die Ewigkeit auszustatten. Waffen? Pharaonen wurden nicht mit Waffen, sondern mit ihren Herrschaftsinsignien dargestellt. Sie präsentierten sich als Oberhaupt, das mit einem göttlichen Auftrag als Bewahrer der Weltordnung und siegreicher Bekämpfer des Chaos handelt.
Foto: Rosel Eckstein / pixelio.de
03.03.2023
Alle mal herhören
Das eigene Wissen für Zuhörer aufbereiten, über ein Thema frei sprechen, gut vortragen und Fragen zum Inhalt beantworten, das sind Fähigkeiten, die heute schon in der Grundschule eingeübt werden.
Anettes Klasse bearbeitet das Thema: „Mein Hobby“. Die meisten Kinder berichteten von ihrem Sport, aber auch vom Klavierspielen und Theaterverein. Hier eine kleine Kostprobe:
25.02.2023
Aufrechnen oder Verzeihen
Vor Horsts Schulsozialarbeiterbüro steht eine lebhaft gestikulierende Traube Schülerinnen und Schüler, die aufgeregt durcheinander redet. Jeder will zuerst reden und seine Beschwerden über den anderen loswerden. Es hat mal wieder einen Konflikt gegeben. Schuldig? Keiner. Die mitgebrachten Zeugen beschwören das wortreich. Die Gegenpartei lügt natürlich. Eine bekannte Situation, wie sie auch in Deutschland vorkommen könnte. Was hier besonders auffällt? Es geht nicht nur um den aktuellen Vorfall, sondern sofort werden sämtliche Fälle aufgezählt, wo man schon einmal einen Streit miteinander hatte. „Schon damals im Kindergarten hat er mir mal einen Bauklotz weggenommen!“ „ Und sie hat in der ersten Klasse wie ein Schwein gegrunzt als ich vorbeilief.“ „Sie hat mich letztes Jahr einmal komisch angesehen!“ Verzeihen und Vergeben fallen schwer. Deshalb gibt auch niemand gern einen Fehler zu. Typisches Beispiel: Ein Schüler steigt vor mir aus dem Fenster des Klassenzimmers. Auf das Fehlverhalten angesprochen, streitet er alles vehement ab, obwohl er genau weiß, dass ich alles mit eigenen Augen gesehen habe.
Die Gründe für dieses Verhalten sind nicht einfach nachvollziehbar. Ob es vielleicht daran liegt, dass wir durch die christliche Prägung einen einfacheren Zugang zum Verzeihen und Versöhnen haben?
Aber es gibt auch Konfliktsituationen, die von den Beteiligten konstruktiv gelöst werden. So waren zwei Erstklässlerinnen darüber in Streit geraten, wo der Taschentuchvorrat der Klasse am besten gelagert werden sollte. Am Ende beschlossen sie, den besten Platz durch „Schere, Stein, Papier“ zu ermitteln und kehrten wieder friedlich vereint in ihr Klassenzimmer zurück.
24.02.2023
Stadt der 1000 Minarette
Kairo ist die „Stadt der 1000 Minarette“ und ebenso so vielen Moscheen. Darunter findet man Wunderwerke mittelalterlicher Architektur und Baukunst, künstlerische Glanzleistungen und Zeugnisse herausragender Handwerksarbeiten. Ob Al Azhar, Muhamed Ali, Sultan Hasan, Al Hakim oder Ibn Tulun, um nur einige der berühmtesten Moscheen zu nennen, sie alle findet man in jedem Reiseführer ausführlich beschrieben. Heute sind sie mehr Museum als Orte gelebter Frömmigkeit.
Weitaus authentischer geht es in den Stadtteilmoscheen zu. Mit freundlichen Handbewegungen werden wir hereingebeten. Während Horst im großzügigen Gebetsraum der Männer mit goldverzierten Säulen, kunstvollen Deckengemälden und prachtvoller Gebetsnische willkommen ist, hat Anette im schlicht gehaltenen Frauenraum Zutritt, wo es nicht nur Beterinnen, sondern auch jede Menge Kinderlärm, schwatzende Gesprächsgrüppchen und stickige Luft gibt.
Mohamed Ali Moschee
Ibn-Tulun-Moschee
Sultan-Hasan-Moschee (l)
Al-Rifa'i Moschee (r)
Al-Sayyida Moschee
Al-Sayyida Moschee
Hauptraum
Al-Sayyida Moschee
Frauenraum
Nur wenige Meter weiter sind es bis zur nächsten Moschee. Im Vorhof wird gerade Suppe an die Bedürftigen ausgegeben. Die Spender, ein offensichtlich gut situiertes Ehepaar mit seinen beiden Kindern, versorgen auch uns im Handumdrehen mit einer Schüssel Linsensuppe. Ein Zeichen gelebter Gastfreundschaft.
Sayeda Ruqiyah Bint Imam Ali Moschee
Armenspeisung
Als wir an der nächsten Moschee vorbei kommen, tritt gerade eine Männergruppe in buntem Flickengewand aus der Tür. Ein bisschen fühlen wir uns an einen alemannischen Fasnachtsumzug erinnert. Einer der Teilnehmer klärt uns gern auf: Es sind Sufis, eine mystische Richtung des Islams, die nach dem Moscheebesuch nun in Erinnerung an ihren Gründer betend durch die Straßen ziehen. Während der Sufismus in anderen islamischen Ländern unerwünscht ist, wird er in Ägypten gefördert als Bollwerk gegen fundamentalistische Bewegungen. Er tritt in ganz unterschiedlichen Erscheinungsformen auf. Auch die bereits beschriebenen Tanoura-Tänzer gehören dazu.
22.02.2023
Sporttag
Schon Tage vorher freuten sich die Kinder auf den Sporttag. Die SMV hatte ein Fußballturnier für Kl. 1 und 2 sowie ergänzend ein Basketballturnier für Klasse 3 und 4 vorbereitet. Leider gab es dabei nicht nur Sieger. Als Verlierer vom Platz zu gehen, fiel den meisten Kindern sehr schwer. Es flossen viele Tränen und große Frustrationen wurden mit Emotionsausbrüchen ausgelebt, in deren Folge es sogar zu verbalen und körperlichen Übergriffen untereinander kam. Selbst die Spieleangebote der Oberstufenschüler*innen mit Parcours, Kleingeräten, Wettrennen, Zielwerfen usw. konnten die Stimmung leider nicht immer retten. Der Ehrgeiz, sportlich zu punkten, ist wirklich massiv.
19.02.2023
Smart Village
In Smart Village, Kairos erstem Technologiepark, entstanden auf einer Fläche von 189 Hektar zahlreiche Niederlassungen von ägyptischen und internationalen Unternehmen. Allen Gebäuden gemeinsam ist eine weiße Fassade mit blauen Glasfronten. Eine architektonisch interessante Erfahrung!
18.02.2023
Pharaonische Messtechnik – das Nilometer
Heute nehmen wir euch mit auf eine Tour zu einem der ältesten Bauwerke Kairos, dem Nilometer. Das heutige Gebäude stammt aus dem Jahr 861, aber die Einrichtung des Nilometers geht bereits auf die Pharaonen zurück.
Von der pharaonischen Zeit bis zum Beginn des letzten Jahrhunderts hing der Lebenszyklus Ägyptens weitgehend von der jährlichen Überschwemmung des Nils ab. Im Nilometer wurden durch die eintretenden Wassermengen ermittelt, wie viel Nilwasser zur Bewässerung zur Verfügung steht. Damit konnten sowohl Wassermangel mit drohender Hungersnot wie auch Höhe der fruchtbaren Überschwemmung vorausgesagt werden. Damit war die angezeigte Wassermenge auch Grundlage für die Steuerermittlung der Bauern.
Heute liegt das Nilometer trocken. Staudämme am Oberlauf haben den Nil reguliert. Die jährlichen Überschwemmungen mit dem fruchtbaren Nilschlamm fallen weg.
Bis heute erhebt Ägypten alleinigen Anspruch auf die Nutzung und Kontrolle dieser zentralen Wasserressourcen. Doch auch Äthiopien hat einen Staudamm gebaut. Allerdings gibt es noch keine Verträge über dessen Befüllung und spätere Betreibung. Sollte es nicht zeitnah zu einer Einigung kommen, könnte die Destabilisierung der gesamten Region die Folge sein.
Nilometer
Im Inneren
Die Messsäule
Muhamed Ali Palast
Nur wenige Minuten vom Nilometer entfernt machen wir einen Zeitsprung in das beginnende 20. Jahrhundert, wo sich Prinz Muhamed Ali direkt am Nil in bester Aussichtslage einen beeindruckenden Palast erbauen ließ. Seinen glanzvolle Pracht verdankt er den unterschiedlichsten Einflüssen von islamisch, osmanisch, marokkanisch, andalusisch, persisch bis europäisch. Der gut restaurierte Palast ist ein gelungenes Beispiel von bereichernder kultureller Offenheit.
Muhamed Ali Palast, Außenansicht
Wandfliesen
Treppenaufgang mit Elfenbeinintarsien
Türrahmen
Fenster an der Moschee
Im Inneren der Moschee
Auf römischen Ruinen gebaut – die hängende Kirche
Selbstredend, dass die Römer in Kairo waren. Über den Überresten des Torhauses ihrer Zitadelle, Festung Babylon genannt, wurde schon im dritten Jahrhundert eine Kirche erbaut, deren Nachfolgerin bis heute über den Mauerresten „hängt“. Auch jetzt kann man noch an einigen Stellen im Fußboden in der Tiefe römisches Mauerwerk sehen – gleichzeitig ein natürlicher Ventilator, der für kühle Frischluftzufuhr sorgt.
Eingang zur Hängenden Kirche
Vorhof der Hängenden Kirche
Altarwand
Gleich daneben befindet sich das koptische Museum, wo beeindruckende Exponate vom Glauben der koptischen Christen seit fast 2000 Jahre erzählen. Die über 16.000 Zeugnisse berichten gleichzeitig von pharaonischen, griechischen, römischen und byzantinischen Traditionen, die in das Christentum Eingang finden. Viele der ausgestellten Ikonen, Stelen, Wandmalereien, Textilen u. v. m. datieren zurück bis in die Zeit der Wüstenväter und der ersten Klöstern. Ihre Ästhetik und Formensprache hat bis heute prägenden Einfluss auf den Kunststil der koptischen Kirchen.
Innenhof des Koptischen Museums
Kapitell
Taufbecken
Bildtuch "Vor und nach dem Sündenfall"
Nische aus einer frühchristlichen Kirche
Wandgemälde aus einer frühchristlichen Kirche
Lebende Kreisel
Am Abend besuchen wir eine Tanoura-Aufführung, bei der eine Musikkapelle mit traditioneller Volksmusik tüchtig einheizt. Zu ihren Klängen drehen sich Tänzer in atemberaubendem Tempo um sich selbst. Ihr bunten Röcke, im Saum mit Blei beschwert, verleihen ihnen das nötige Gleichgewicht. Ein farbenfrohes Spektakel, bei dem uns schon beim Zuschauen ganz anders wird!
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17.02.2023
Ägyptens Neue Hauptstadt
45 Kilometer vom alten Zentrum entfernt entsteht vom Reißbrett eine Stadt der Superlative, die neue Regierungsstadt von Präsident Al-Sisi, hinter vorgehaltener Hand „Sisity“ genannt. Der Präsident misst sich an der großen Zeit der Pharaonen. Mit finanzieller Unterstützung aus China wird eine Stadt erbaut, die in ihren Ausmaßen die Pyramiden überragt. Hier befinden sich der höchste Fahnenmast der Welt, die größte Moschee und die größte Kirche im Nahen Osten, um nur einige Beispiele zu nennen. Auch das neue Verteidigungsministerium übertrumpft als „Oktagon“ das amerikanische „Pentagon“. Schon von weitem ragt der „Iconic Tower“, mit 385 Metern das höchste Bauwerk in Afrika, aus der Wüste. Seine Form soll an die Doppelfeder-Krone des Gottes Amun erinnern. Umgeben von weiteren Wolkenkratzern bildet er das Herzstück des Geschäftsviertels der zukünftigen Hauptstadt. Noch wird am neuen Präsidentenpalast, dem Regierungssitz mit allen Ministerien, dem Parlament und am riesigen Bankenviertel gebaut. Dafür sind schon einige Teile der „Sports City“ fertig gestellt, mit der Ägypten 2036 als erstes afrikanisches Land Gastgeber für die Olympischen Spiele sein wird. Auf einer Fläche von etwa 30.000 Hektar ist New Cairo für 6.5 Millionen Einwohner ausgelegt. Noch wohnt allerdings weit und breit kein Mensch. Größter Vorteil: Die Stadt verfügt über wenige Zugänge, die schnell hermetisch abgeschlossen werden können. Protest bleibt draußen.
Einen interessanten Bericht findet ihr hier:
https://www.tagesschau.de/ausland/afrika/aegypten-neue-hauptstadt-107.html
17.02.2023
Eine Arche Noah für die Kopten
Wir stehen am Zaun vor der koptischen Geburt-Christi-Kathedrale in Neu Kairo. Mehrere bewaffnete Polizisten bewachen den Eingang. Nachdem wir unseren Ausweis abgegeben haben, dürfen wir eintreten und werden zum Eingang begleitet. Dort empfängt uns ein freundlicher Herr, der uns stolz seine Kirche zeigt. Vom Äußeren ist sie einer Arche Noah nachempfunden. Im Inneren erzählen wandfüllende Gemälde biblische Geschichten und Heiligenlegenden. Wir sind von den prächtigen Bibelszenen und den Holzarbeiten begeistert. Außer Christi Auferstehung sind vor allem Szenen aus dem Leben Marias, die Geburt - und ganz wichtig – die Flucht nach Ägypten dargestellt. Alles ist hier monumental. Bis zu 8 000 Gläubige können Platz finden. Gebaut wurde die Kirche auf Anweisung des Präsidenten nach den Terroranschlägen 2016, bei denen in einer Kairoer Kirche 27 Menschen den Tod fanden. Damit sollte die Kirche zu einem Symbol für ein besseres Miteinander werden und die nationale Einheit stärken. Tatsächlich haben die staatlichen Repressalien gegenüber koptischen Christ*innen in den letzten Jahren abgenommen.
15.02.2023
Alaaf und Helau
Fasching ist zweifelsohne ein sehr deutsches Kulturgut. Deshalb darf die närrische Zeit im Jahreskreis einer deutschen Schule nicht fehlen. Mit der in Ägypten üblichen große Lust am Feiern war beste Stimmung angesagt, als Piraten, Hexen, Generäle, Prinzessinnen und andere phantasievoll kostümierte Wesen fröhlich durch das Schulhaus ziehen. Auch die Lehrer*innen hatten Spaß am Verkleiden und karnevalistischem Treiben. Der Tag begann mit einem übervollen Buffet mit vielen Leckereien. Danach folgten in allen Klassen lustigen Spiele, Tanzvergnügen und Kreativprojekte.
Als Höhepunkt hatte ein Clown seinen Besuch angesagt, der mit seinen Kunststücken und Späßen alle zum Lachen bracht. Am Ende verwandelte sich der Sportplatz in eine große Tanzfläche, wo zu lustigen Faschingshits eifrig das Tanzbein geschwungen wurde.
10.02.2023
Heute und Gestern
Der Nil ist nicht nur die Lebensader, sondern auch ein zentraler Begegnungsort in Kairo. Allerdings ist ein Spaziergang entlang des Flusses im Stadtgebiet nur an wenigen Stellen möglich. Genauer gesagt: Seit fast einem Jahr kann man auf der ersten Nilpromenade, ganz ohne Autoverkehr, entspannt flanieren. Der Zutritt wird uns gewährt, nachdem wir eine Benutzungsgebühr von umgerechnet 30 Cent bezahlt haben. Nun können wir auf dem fast zwei Kilometer langen Spazierweg bummeln, inklusive dem Kunstobjekt „Nil-Göttin“ und Wasserfontänen, Restaurants, Cafés, Anlegestellen für Bootsausflüge mit dem Niltaxi oder einer Feluke sowie einer kleinen Kulturhalle. Wer die Gebühr nicht bezahlen kann oder sich am lauten Straßenlärm nicht stört, dem steht auf dem vier Meter höheren Straßenniveau ein breiter Gehweg zur Verfügung, dessen überraschend eben verlegte Plattenoberfläche sogar das Inlinern erlaubt und darüber hinaus zusätzlich mit einer Fahrradspur ausgestattet ist.
Diese Uferpromade soll, laut Präsident Al-Sisi, der erste Schritt in die urbane Weiterentwicklung Kairos in Richtung von mehr Grünflächen sein, nicht zuletzt zur Steigerung der touristischen Attraktivität und für mehr Lebensqualität.
Nach so viel Modernität zieht es uns in die Altstadt, wo wir auf pulsierendes Leben treffen. Am alten Stadttor Bab-Zuweila treffen wir auf kleine Werkstätten mit traditionellem Handwerk. Wir schauen Küfern, Drechslern, Metallpunzierern und Lampenmachern bei ihrer Arbeit zu und bewundern ihre kunstvollen Ergebnisse in den Verkaufsauslagen. Anschließend essen in einem Restaurant zu Abend, begleitet von traditioneller Musik. Auch ein Tanoura-Tänzer dreht sich in seinem bunten Rock so unglaublich schnell und lässt dabei gleichzeitig ebenso geschwind ein Tuch über dem Kopf mitschwingen, dass es uns beim Zuschauen schon schwindlig wird.
Den Abend lassen wir mit einem Mix aus Vergangenheit und Gegenwart im Kairoer Opernhaus ausklingen. Eine Weltpremiere steht auf dem Programm: Der zeitgenössische Komponist Mohamed Saad Basha hat sich den historischen Stoff von Cleopatra vorgenommen und sie als Ballett-Musik neu interpretiert. Zudem dirigiert er sein Werk selbst, das viele traditionelle, aber auch neue Elemente aufweist. Dazu passt die neo-klassische Ballettsprache der Tanzkompanie, die bewegungsreich die wesentlichen Stationen aus Cleopatras Leben in Bewegung umsetzt untermalt von einem sehr opulenten Bühnenbild.
07.02.2023
Elternarbeit
Ägyptische Privatschuleltern sind in der Mehrzahl freundlich, unterstützend und kooperativ.
Aber es gibt leider auch genügend Eltern, die sehr massiv auftreten, weil sie über genügend Geld und Einfluss verfügen. Hiervon erzählt eine Beschwerde von der Mutter eines Drittklässlers, der im Kunstunterricht Kehrdienst hatte und deshalb erst fünf Minuten später in die große Pause konnte.
Die Mutter schrieb eine Email mit folgenden Worten:
„Ich wollte einen sehr schlimmen, inakzeptablen Vorfall melden, der meinem Sohn passiert ist. Vor 2 Tagen wurde mein Sohn von Frau X am Ende des Kunstunterrichts gezwungen, in seiner Pause zwischen zwei anderen Kindern zu arbeiten und die Klasse aufzuräumen. Das ist auf keinen Fall akzeptabel:
Man kann einem Kind die Pause nicht entziehen, wenn es keinen Hausarrest hat, es hatte nicht einmal Zeit, sein Frühstück zu essen. Sie können sich nicht vorstellen, wie frustriert mein Sohn war und wie wütend er nach Hause kam, weil er sich ohne ersichtlichen Grund gedemütigt fühlte.
Ich erwarte bis Donnerstag einen Bericht, wie sichergestellt wird, dass eine solche Situation nicht noch einmal vorkommt sowie eine Entschuldigung der betreffenden Lehrerin.“
In solchen Situationen bin ich sehr froh, dass die Schule eine ausgebildete Juristin beschäftigt, die sich diesen Fällen annimmt und zudem bei allen Elterngesprächen anwesend ist. Es handelt sich im übrigen um eine Vollzeitstelle bei knapp 400 Schüler*innen!
04.02.2023
Vogelimpressionen
Vogelinteressierte kommen in Ägypten voll auf ihre Kosten. Bereits in der pharaonischen Zeit hatten Vögel eine bedeutsame Rolle. Davon zeugen Götterdarstellungen wie Thot mit dem Ibis-Kopf, RE mit dem Falkenkopf und Horus mit dem Habichtkopf. Auf Sarkophagen ist die Göttin Isis zu sehen, die schützend ihre geflügelten Arme ausbreitet. Ebenso haben Vögel ihren Platz in den Hieroglyphen.
Viele Lebensräume Ägyptens sind extrem geeignet für Vogelpopulationen, allen voran das Niltal.
Wir freuen uns, dass wir immer wieder Vögel mitten in unserem Wohnviertel sehen, die wir bislang nur aus Büchern kannten. Dazu gehört zum Beispiel der Wiedehopf, der sich oft neugierig auf unserer Balkonbrüstung niederlässt. Auch Sandregenpfeifer können wir regelmäßig beobachten.
03.02.2023
Wo Wasser ist, grünt es
Ägyptischer Winter, das sind kühle Temperaturen, die in den Nächten bis unter 10 Grad fallen. Da vermissen wir schon manchmal eine Heizung. Was wir nicht vermissen, ist das trübe, nasskalte deutsche Nieselwetter. Tatsächlich ist der Himmel hier meist strahlend blau und in der Mittagssonne gibt es angenehme Temperaturen. Dazu blüht und grünt es überall – vorausgesetzt, es wird beregnet. In der an unser Wohnviertel angrenzenden Wüste sehen wir kreisrunde Felder, deren kräftiges Grün das Ergebnis von Beregnungsanlagen ist. Nicht nur für den notwendigen Bedarf der Landwirtschaft, sondern überall wird großzügig mit Wasser umgegangen. So kommt es, dass in Privatgärten und Parks nicht nur die trockengewohnten Palmen wachsen, sondern eine bunte Blütenpracht das Auge verwöhnt. Sehr schön, aber keinesfalls ressourcenschonend und nachhaltig. Alles Wasser wird aufwendig gewonnen. Es kommt aus dem Nil oder - in wenigen Regionen - aus Meerwasserentsalzungsanlagen. Obwohl Wasser knapp ist, gibt es keine Sparanreize. Wasseruhren sind unbekannt und die Wasserkosten sind minimal. Gleichermaßen gibt es zahlreiche Regionen, die noch nicht an die Trinkwasserversorgung angeschlossen sind und mit Tankwagen beliefert werden müssen.
27.01.2023
Jedes Wochenende ein anderes Gesicht von Kairo
Kairo ist nicht nur riesig, sondern hat auch ganz unterschiedliche Gesichter.
Wie wäre es mit einem Spaziergang am Nil? Schon wenige Kilometer außerhalb des Stadtzentrums kommen wir in ein Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Ein Esel steht im Schatten eines Baumes, daneben grast eine Kuh unbeirrt weiter, während wir auf unbefestigten Wegen dem Fluss folgen. Direkt am Nilufer beginnen die Felder, auf denen Gemüse oder Sonderkulturen wie Rosen angebaut werden. Immer wieder sehen wir Kinder, die mit den Erwachsenen auf dem Feld arbeiten oder die Bewässerungskanäle für das Nilwasser öffnen oder schließen. Der Fährbetrieb zu einer der bewohnten Inseln im Nil wird mit einem traditionellen Ruderboot bewältigt.
Nur die unzähligen Plastiktüten, die auf dem Nil schwimmen, verweisen auf die Gegenwart. Sie sind Teil der jährlich rund zwölf Milliarden Plastiktüten, die in Ägypten verwendet werden.
Ganz anders geht es im pulsierenden Stadtviertel Downtown zu, das ein beredtes Zeugnis der Belle Epoque in Ägypten ablegt. Von französischen Architekten im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert geplant, sollte dieses Stadtviertel zum Edelstein des Orients werden und in seiner Schönheit selbst Paris übertrumpfen. Noch heute kann man die Harmonie und Ästhetik der Gebäude erahnen, wenngleich viele der Gebäude abgewirtschaftet sind. Vieles hat inzwischen einen morbiden Charme. Manches frühere Schmuckstück wurde bereits abgerissen und durch stillose Neubauten ersetzt.
Wir trinken einen Kaffee im traditionsreichen "Cafe Riche", das auch schon bessere Tage gesehen hat und kaufen in der Patisserie ElAbd ein, deren überreiches Angebot an ägyptischen und europäischen Leckereien keine Wünsche offen lässt.
26.01.2023
Wochenendvergnügen
Was macht man in Ägypten am Wochenende? Neben Besuchen bei Verwandten und Freuden verbringen die Familien viel Zeit in Sport-Clubs, wo die Kinder eifrig Sportarten wie Fußball, Squash, Tennis, Handball oder Turnen trainieren, während die Erwachsenen entspannt zuschauen. Allerdings steht nicht das Vergnügen im Vordergrund – hier wird schon von den Kleinsten voller Einsatz und Leistung mit besten Ergebnissen erwartet. Dass bereits Achtjährige vier Mal pro Woche trainieren, zum Teil schon morgens vor der Schule, ist keinesfalls unüblich.
Oder wie wäre es mit einem Besuch im 4-D-Kino, wo z. B. der Film „Avatar“ mit Effekten wie beweglichen Elementen in den Sitzen, Explosionsgeruch, Sprühregen, Lasershow und Wind aus Ventilatoren aufwartet?
Beliebt sind auch Indoorspielplätze, die sich auf die unterschiedlichsten Angebote spezialisiert haben – vom Legobauen über Trampolinspringen bis zu Kartbahnen. Wer es exklusiv mag, geht zum Indoor-Schlittenfahren oder Snowboarden einschließlich Skikurs mit professionellen Sportlehrkräften in der Mall of Egypt, einem riesigen Einkaufszentrum.
Wie ihr seht, lässt Kairo beim Thema Freizeitgestaltung keine Wünsche offen.
Und wir? Wir versuchen, jedes Wochenende eine andere Seite der Kultur und Natur dieser facettenreichen Stadt zu entdecken.
21.01.2023
Radfahren für Mutige
Das Verkehrschaos auf Kairos Straßen ist legendär, ebenso die schlechte Luftqualität. Kein Wunder, denn es gibt vor allem Individualverkehr. PKWs, Taxis und Minibusse beherrschen das Straßenbild. Dabei bietet sich die ebene Topographie der Stadt geradezu für das Radfahren an. Bislang ist Radfahren in Kairo allerdings nur für Menschen mit starken Nerven und einem gewissen Todesmut zu empfehlen, denn nur an wenigen Stellen gibt es sichere Radwege. Meistens bleibt den wenigen Radfahrer*innen nichts anderes übrig, als sich zwischen den Blechlawinen hindurchzuschlängeln.
Inzwischen hat sich eine lokale Radfahrbewegung etabliert, die sich jeden Freitagmorgen zur gemeinsamen Ausfahrt trifft, die ihrem Anliegen, sichere Radwege einzurichten, Nachdruck verleiht. Immerhin hat sich auch schon Präsident Attah al-Sisi vor laufenden Kameras auf den Fahrradsattel geschwungen und seinem Volk empfohlen, auf das Rad umzusteigen. Die Fahrradaktivist*innen können erste Erfolge verbuchen und inzwischen gibt es bereits erste Radleihstationen.
16.01.2023
Wann wird mal wieder … Schule sein?
Heute mal wieder Neuigkeiten von der Schule: Wie ihr wisst, verlängerte der Ministerpräsident die Weihnachtsferien mit nur dreitägigem Vorlauf um einen Tag, um spontan das koptische Weihnachtsfest mit einem zusätzlichen freien Tag zu ehren. Am Montag begannen dann gleich die Arabischprüfungen, wo wegen der kleinen Prüfungsgruppen alle Zimmer belegt und alle Lehrkräfte zur Aufsicht eingeteilt waren. In der Folge hatten alle Nichtprüflinge eine Woche schulfrei. Morgen hätte es endlich wieder Unterricht gegeben. Jetzt ist im ganzen Stadtteil die Wasserversorgung ausgefallen, mindestens bis morgen Abend. Deshalb ist der ganze Tag aus hygienischen Gründen schulfrei.
Wir sind gespannt, was wir noch alles erleben werden bis endlich mal wieder Schule statt findet. Die Eltern tun uns echt leid, die ständig Betreuung finden müssen.
Wir selbst nehmen das Ganze mit Humor: Wollten wir nicht unbedingt eine andere Kultur kennenlernen und Neues erleben? Zwar dachten wir eher an Pyramiden und exotische Küche, aber jetzt ist es halt gerade schulfrei wegen Wassermangel. So können wir zu unserer reichhaltigen Schulfrei-Sammlung eine neue Variante hinzufügen: Nach Hitzefrei, Hochwasser, ausgefallener Heizung, Stinkbombenalarm und Corona gibt es jetzt Wassermangel.
15.01.2023
Rekordtief bei Pfund und Piaster
Mitten in der Grundschulkonferenz ging auf einmal ein Aufschrei und lautstarkes Stöhnen durch das Kollegium. Was war geschehen? Nicht pädagogische Themen oder schulische Herausforderungen waren die Ursache, sondern der in Ägypten übliche regelmäßige Blick auf den Wechselkursrechner. Gerade hatte das ägyptischen Pfund einen dramatischen Kursverfall hingelegt! Dass das ägyptische Pfund schwächelt, ist schon länger nicht mehr zu übersehen. Schon seit Monaten steigt die Inflation auf inzwischen gut 18 % und ausländische Waren kommen nur noch sehr spärlich auf den ägyptischen Markt. In den Supermärkten gibt es leere Regale. Neuwaren aus europäischer Produktion, ob Kühlschrank oder Autoreifen, sind nicht mehr erhältlich.
Grund ist die schwächelnde ägyptische Wirtschaft, die durch Haushaltskürzungen, die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie und den Russland-Ukraine-Krieg unter Druck geraten und mit Devisenknappheit konfrontiert ist. Einige Beispiele: In Ägypten ist Brot zwar ein Grundnahrungsmittel und fehlt bei keinem Essen, jedoch gibt es keinen nennenswerten eigenen Weizenanbau. Die Regierung subventioniert das Getreide, das sie teuer auf dem Weltmarkt einkaufen muss, um es überhaupt noch erschwinglich zu halten. Gleichermaßen verhält es sich mit dem (noch) staatlich subventionierten Ölpreis. Diese Mehrkosten stehen drastischen Einnahmedefiziten im Suezkanal durch die wegen Covid 19 gesunkene Anzahl der (chinesischen) Frachter.
Ein Aufschwung für die ins Trudeln gekommene Währung ist nicht abzusehen, nachdem die Regierung im Dezember mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) eine Einigung über ein Darlehen in Höhe von 3 Mrd. USD erzielte und sich dabei bereit erklärte, zu einem flexibleren Wechselkurssystem überzugehen.
Verständlich, dass die einheimischen Lehrkräfte um Gehaltserhöhungen anfragen. Lediglich für uns deutsche Lehrkräfte, die wir unser Geld auf ein deutsches Konto in Euro bekommen, gibt es Entspannung: Unsere Wohnungsmiete ist seit September von umgerechnet 600 Euro auf jetzt 340 Euro gefallen.
09.01.2023
Regional und saisonal essen
Wer sich in Deutschland regional und saisonal ernähren will, der hat jetzt die Auswahl zwischen Lageräpfeln, Karotten, Rote Beeten und Kraut.
Wer sich in Ägypten regional und saisonal ernähren möchte, der kann rund um das Jahr lecker schlemmen. Gerade ist Erdbeerzeit! Schließlich ist gerade das Freilandklima dem deutschen Frühsommer nicht unähnlich mit kühlen Nächten und warmen Tagen. Wir haben außerdem schon die Melonen-, die Trauben- und die Mangozeit genussreich hinter uns gebracht. Dabei gibt es jeweils eine Fülle an Sorten, die im Geschmack variieren – mindestens vergleichbar mit der Menge an Apfelsorten. An zahlreichen Ständen leuchten uns außerdem kunstvoll drapierte Berge von Orangen, Mandarinen und Granatäpfel entgegen. Auch neue Kartoffeln haben gerade Saison. Das Gemüseangebot ist ganzjährig sehr reichhaltig – ob Tomaten, Auberginen, Gurken, Blumenkohl, Rote Beete oder Kohl, das fruchtbare Niltal sorgt für einen reich gedeckten Tisch.
Die Landwirtschaft ist ein wesentlicher Sektor der ägyptischen Wirtschaft. Sie trägt etwa 11,3 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt des Landes bei. Auf den Agrarsektor entfallen 28 Prozent aller Arbeitsplätze, und über 55 Prozent der Beschäftigung in Oberägypten sind mit der Landwirtschaft verbunden. Über 3 Millionen Tonnen Orangen werden in Ägypten produziert sowie knapp 7 Millionen Tonnen Tomaten, gefolgt von Zwiebeln mit 3 Millionen Tonnen, inzwischen mit steigendem Exportanteil.
06.01.2023
Koptisches Weihnachten
Wenn wir den Weihnachtsbaum bereits abschmücken, beginnt in der koptischen Kirche das Weihnachtsfest. In der Nacht vom 6. auf den 7. Januar wird die Weihnachtsmesse gefeiert. Eine koptische Kollegin hat uns informiert: „Der Gottesdienst beginnt um 19 Uhr und endet voraussichtlich gegen 23.00 Uhr“. Ausgestattet mit gutem Schuhwerk – im koptischen Gottesdienst wird viel gestanden – machten wir uns auf den Weg. Schon von weitem waren im weiten Umkreis um die Kirche die Straßen abgesperrt und zahlreiche Polizisten überprüften den Zugang mit Ausweis- und Taschenkontrolle. Nicht verwunderlich, denn in den letzten Jahren kam es immer wieder zu Anschlägen auf koptische Gottesdienste, verübt von radikalen Muslimen, trotz Religionsfreiheit, wegen laschem staatlichen Vorgehen.
Nach erfolgreicher Kontrolle und Sicherheitsschleuse betreten wir kurz darauf die Kirche. Der Altarraum der Kirche ist durch eine Holzwand voller Heiligenbilder abgetrennt. In der Mitte dieser sogenannten Ikonostase sieht man durch eine Torbogenöffnung einen bärtigen Priester mit goldbestickter Mitra auf dem Kopf den kerzenumstandenen Altar umschreiten. Dichte Weihrauchschwaden wabern bereits im Kirchenraum. Vor der Ikonistage stehen Männer in weißen Gewändern mit roten Schulter-Schärpen und singen. Das Stundengebet ist bereits in vollem Gange, allerdings vor fast leeren Bankreihen. Die koptische Liturgie ist ein gänzlich gesungener Ritus, nur unterbrochen von einigen stillen Gebeten des Priesters und den Lesungen aus der Heiligen Schrift. Der Gottesdienst ist geprägt von Symbolik, Riten und einer hohen Anzahl an Wiederholungen, Akklamationen, lauten und stillen Gebeten und Gesängen, bei denen sich Vorsängern und Gemeinde abwechseln, einem Singsang, der von Zimbeln und Triangeln begleitet wird. Nach und nach füllt sich die Kirche, links die Männer, rechts die Frauen. Alle sind von Kopf bis Fuß neu eingekleidet. Die Frauen tragen Kopftücher, die bestickt und oft mit Ikonen verziert sind. Erst nach drei Stunden sind die meisten Plätze besetzt, rechtzeitig zum Höhepunkt der Eucharistiefeier. Viel Weihrauch und zahlreiche Segnungen mit dem Handkreuz des Priesters lassen uns etwas von der koptischen Spiritualität erahnen.
Immerhin ist die koptisch orthodoxe Kirche eine der ältesten Kirchen weltweit. Das Wort Kopte geht auf das griechische Wort Αἰγύπτιοι zurück und bezeichnete seit griechisch-römischer Zeit die ägyptischen Einwohner der Hauptstadt Alexandria sowie die Bewohner Ägyptens allgemein. Heute wird der Begriff allein für die ägyptischen Christen verwendet. In Ägypten leben heute ca. 11-18 Mio. Kopten. Das Koptische wird noch heute als Liturgiesprache verwendet, eine Sprache, die direkt von der Sprache der Pharaonen abstammt und damit über 5.000 Jahre alt ist. Da Koptisch keine Alltagssprache mehr ist, laufen während des Gottesdienstes überall Monitore mit den koptischen Lied- und Gebetstexten und der arabischen Übersetzung.
Nach der Eucharistie nimmt die Besucherzahl schnell ab. Alles drängt es nach Hause, wo am Ende der dreiundvierzig- oder síebentägigen vorweihnachtlichen Fastenzeit (je nach Strenggläubigkeit) ein festliches Essen wartet, Berge an Fleischgerichten, Kofta, Makarona Bashamel (arabische Version der Lasagne), Mombar (Reisauflauf in Kuhgedärmen), Hawauschi (selbstgebackenes Brot mit Fleischfüllung) und Bouri, ein Fischgericht. Die Kinder freuen sich außerdem über Süßigkeiten und Geschenke.
05.01.2023
Die Wüste blüht
Die große Hitze hat nachgelassen, die Luft enthält mehr Feuchtigkeit und es hat sogar schon ein bisschen geregnet. Das reicht aus, um in der Wüste für blühende Pflanzen zu sorgen.
Ob Wurzelkünstler oder Wasserspeicher, die Wüstenpflanzen sind Meister im Kompensieren der Knappheit. Wir sind beeindruckt von der Vielfalt und Üppigkeit. Überall sprießt es grün und es haben sich die ersten Blüten geöffnet. Auch Schmetterlinge haben wir entdeckt, die zwischen den Pflanzen flattern. Wir erfreuen uns an Aloe, verschiedene Arten von Sedum, Storchschnabel und all den anderen Arten, die wir nicht benennen können. Vielleicht kennt jemand von euch diese Überlebenskünstler und kann uns deren Namen nennen?
Eine interessante und ausführliche Internetseite (auf Englisch): https://www.petrifiedforestegypt.org/
(... zum Vergrößern der Fotos, einfach reinklicken!)
05.01.2023
Ein Spaziergang im Oligozän
Vor 60 Millionen Jahre gab es im Niltal ausgedehnte Wälder, die von zahlreichen Tierarten bis hin zu Elefanten bevölkert waren. Heute findet man am südlichen Stadtrand die mineralisierten Überreste eines ca. 35 Millionen Jahre alten Waldes. Man vermutet, dass die Bäume durch eine Nilflut oder einen Sandsturm zum Umstürzen gebracht und in der Folgezeit mit Sand und Nilsedimenten überdeckt wurden. Das Nilwasser bewirkte ein Auflösen der Mineralien und deren Einlagerung in die Baumstämme. Ihre Braun- und Grautöne werden durch Eisen-, Mangan- und Quarzeinlagerungen gebildet. Heute gewährt der versteinerte Wald einen Einblick in die geologischen Geschichte unseres Planeten.
Dabei liegen auf einem ca. sieben Quadratkilometer großen Gelände unzählige große und kleine Holzstücke im Wüstensand verstreut, die größten bis zu 30 Meter lang und einen Meter dick. Ihre ursprüngliche Struktur, die Rindenform und die Jahresringe sind noch so authentisch und so gut zu erkennen, dass wir teilweise mit bloßem Auge nicht feststellen konnten, ob es sich um eine Versteinerung oder um ein Holzstück aus der Jetztzeit handelt. Von der Optik her hätte man also jederzeit ein Lagerfeuer damit bestücken können.
Eine interessante und ausführliche Internetseite (auf Englisch): https://www.petrifiedforestegypt.org/
(... zum Vergrößern der Fotos, einfach reinklicken!)
04.01.2023
Ferienende ist nicht gleich Schulzeit!
Kaum haben wir die verlängerten Weihnachtsferien verdaut, kommt die nächste Überraschung. Zentrale arabische Klassenarbeiten!
Unsere Schüler*innen werden neben dem vollständigen deutschen Lehrplan gleichzeitig nach dem ägyptischen Bildungsplan in den Fächern Arabisch, Gemeinschaftskunde und Religion unterrichtet. Damit gelten auch die zentralen ägyptischen Klassenarbeiten, die ab Klasse 4 zu schreiben sind. Das Ministerium hat den Prüfungszeitraum am 21. Dezember bekannt gegeben: Die Prüfungen beginnen am 8. Januar. Heute informierte die Schule, dass alle Lehrkräfte für Aufsichten eingesetzt werden. Deshalb haben die Klassen 1 bis 3 die ganze Woche schulfrei. Die Eltern sind echt gestresst, weil sie immer wieder - kurzfristig angekündigt - die Betreuung organisieren müssen.
03.01.2023
Wie lange dauern die Ferien?
Übersetzung: "Ministerpräsident: Der kommende Sonntag ist ein offizieller Feiertag anlässlich Werihnachten."
Wie lange die Ferien in Deutschland dauern, ist schon Jahre im Voraus festgelegt. Nicht so in Ägypten! Wie kurzfristig es Änderungen gibt, erlebten wir gleich zu Beginn unseres Aufenthaltes, als das (Schul-)Ministerium spontan eine zweiwöchige Verlängerung der Sommerferien beschloss. Die Schule hat dafür die Herbstferien ausfallen lassen, denn als anerkannte deutsche Auslandsschule müssen 180 Schultage pro Jahr nachgewiesen werden.
Jetzt erleben wir schon die nächste Veränderung: Eigentlich sollten die Weihnachtsferien am Samstag, den 7. 1. 2023 mit dem koptischen Weihnachtsfeiertag enden. Gerade kam ein neues Dekret vom Ministerpräsidenten: Weil der Feiertag auf einen Samstag falle, sei der anschließende Werktag schulfrei. Also beginnt die Schule nicht wie ursprünglich geplant am 8. 1., sondern einfach einen Tag später.
Positiv daran ist, dass der koptische Festtag nun so hoch eingeschätzt wird, dass es einen zusätzlichen Ferientag gibt. Und die Schüler*innen freuen sich auf jeden Fall!
29.12.2022
Von der Stadt aufs Land
Auf der Autobahn fahren wir in Richtung Süd-Westen aus Kairo heraus. Die Strecke führt kilometerweit durch die ebene, kahle Kieswüste. Nach zwei Stunden zeigt sich plötzlich ein Meer von Palmen am Horizont. Welch ein überraschender Anblick! Vor uns liegt das oasenartige Fayoum-Becken am Quarun-See. In einem der am Ufer befindlichen ehemaligen Fischerdörfer, in Tunis, hat sich auf Initiative einer Schweizer Töpferin eine Kreativkultur entwickelt. Außerdem hat sich eine lokale Tourismusindustrie etabliert, die einfache Unterkünfte, regionales Essen sowie Ausflüge in die angrenzende Wüste anbietet. Hier machen wir Halt und bummeln durch die unbefestigte Dorfstraße, die von zahlreichen Töpferwerkstätten, Ausstellungsräumen und Läden gesäumt ist. Auch erproben wir uns im Töpfern - mit begrenztem Erfolg -, bevor wir den Tag entspannt am Lagerfeuer ausklingen lassen, wo wir einer Clique Einheimischer zuhören, die mit Gesang und Trommeln aufspielen.
Fischer am Quarun-See
Fischerboote am Quarun-See
Objekt im Art Center Tunis
Objekt im Art Center Tunis
Karikaturen-Ausstellung im Art Center Tunis (von rechts nach links lesen!)
Keramikladen in Tunis
In der Sahara
Westlich von Fayoum geht es in die Sahara. Im Naturschutzgebiet Wadi El Rayan, das 42 Meter unter dem Meeresspiegel liegt, erleben wir eine Bilderbuch-Wüste, nämliche riesige Sandberge, unendlich bis zum Horizont. Sand soweit das Auge reicht! Unser Fahrer brettert mit dem 4x4-Auto die Sanddünen hinauf und wieder hinunter. Wir fühlen uns wie in der Achterbahn. Außerdem kann man auch auf Snowboard-Brettern die Sandberge hinunterrutschen. Wir befinden uns in einem Sandkasten von unendlichen Ausmaßen und finden zahlreiche Muschelreste aus der Zeit, als hier noch Meer war. Die Nacht verbringen wir in einem Zeltcamp am Magic See. Besonders schön ist die gegenüberliegende Felsformation, die im Licht des Sonnenuntergangs ganz verzaubert wirkt. Nach Einbruch der Dunkelheit beobachten wir, am Lagerfeuer sitzend, den Sternenhimmel, der hier in der Wüste besonders gut zu sehen ist, bevor wir ins Zelt kriechen und uns in warme Decken einkuscheln.
Wandbild aus der Koptischen Kirche in Assuan
25.12.2022
Wann wird in Ägypten Weihnachten gefeiert?
Ägypten ist stolz auf eine der ältesten christlichen Traditionen, beginnend mit dem Asyl der Heiligen Familie. Mutmaßlich um das Jahr 40 oder 50 n. Chr. hat der Evangelist Markus am Nil gepredigt und hier erste Gemeinden gegründet. So entstand die koptische Kirche. Sie hat viele Gemeinsamkeiten mit der orthodoxen Kirche. Weil die koptische Kirche (wie die meisten Ostkirchen) den julianischen Kalender beibehalten hat, wird das Weihnachtsfest in der Nacht vom 6. zum 7. Januar gefeiert. Derzeit bereiten sich also die Kopten noch auf ihr Fest vor – allerdings nicht mit Weihnachtsplätzchen und Glühwein, sondern mit einer 43-tägigen Fastenzeit, bei der keine tierischen Produkte wie Fleisch, Eier oder Milch gegessen werden. Es gibt aber auch eine Sparvariante, bei der nur eine Woche vor Weihnachten gefastet wird.
Heute bilden die Kopten ca. 10 % der ägyptischen Bevölkerung und seit 2005 ist der 7. Januar in Ägypten ein offizieller Feiertag.
24.12.2022
Heiliger Abend in Kairo
In Kairo klingt Weihnachten eher nach lautstarkem Hupen im Verkehrschaos und anstelle von Kerzenschein sorgen die flackernden Bremslichter der Autos im Stau neben Werbetafeln und Leuchtbändern für blinkenden Lichterglanz. Die Megacity kommt nie zur Ruhe, hier ist rund um die Uhr etwas los.
Blick auf Nil und Fernsehturm von der Qasr El Nil Brücke
Aber es gibt auch ganz ruhige Ecken, und am Heiligen Abend suchten wir einige davon auf. Unser erstes Ziel war das nur wenige Kilometer vom Zentrum entfernte Wadi Degla, ein Naturschutzgebiet, das seinen Ursprung im Meer des Eozäns vor ungefähr 60 Millionen Jahre hat. In diesem ca. 12 Kilometer langen trockenen Flusstal lässt sich wunderbar in einem Kalkstein-Canyon wandern, umgeben von steilen Felswänden in einer Wüstenschlucht aus Fels, Kies und Stein.
Eine weitere ruhige Zone fanden wir im Konvent der deutschsprachigen Borromäerinnen. Rund um das Klostergebäude zwischen alten Bäumen und hohen Palmen erstreckt sich ein weitläufiger Garten mit zahlreichen Blumenrabatten und gepflegten Wegen. Hier fand im Gartenpavillion ein Weihnachtsgottesdienst der deutschen Gemeinde statt.
Am Abend waren wir im Stadtteil Zamalek, einer Insel im Nil, auf der sich neben Nobelhotels, Botschaften, sündhaft teuren Bürogebäuden und edle Wohnanlagen auch einige Museen und die Oper befinden. Das Konzerthaus liegt inmitten eines Parks, zu dem auch ein Café gehört, wo wir unter Palmen gemütlich eine Tasse orientalischen Minztee tranken. Das war ein passender Auftakt zum anschließenden Christmas Concert in der Oper, bei dem uns weihnachtliche Klänge u. a. von Bach, Händel, und Mozart erwarteten.
Zwar kam an diesem Heiligen Abend keine gemütliche Wohnzimmeratmosphäre auf, aber zumindest botanisch, klimatisch und geografisch waren wir am historischen Weihnachtsfest ziemlich dicht dran. Und richtig mittendrin sind wir dann, wenn es um die weitere Geschichte mit der Flucht nach Ägypten (in Mt 2, 14) geht.
23.12.2022
Reif für die Ferien
Der letzten Schultag vor den Weihnachtsferien liegt hinter uns.
Höchste Zeit - die letzten Tage waren echt anstrengend.
Alle brauchen jetzt Urlaub. Schließlich sind die Herbstferien wegen des verspäteten Schuljahresbeginns ausgefallen, seit Schuljahresbegin gab es lediglich zwei verlängerte Wochenenden als Erholungspause.
Auch die letzten beiden Wochen voller Klassenarbeiten setzten den Schüler*innen ziemlich zu und in der Folge gab es allerhand Probleme in den Klassen. Daneben machte der Wetterwechsel hinein in den etwas kühleren Winter allen ziemlich zu schaffen. Nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Lehrkräften gab viele Krankheitsfällen, so dass die Verbleibenden zahlreiche Vertretungsstunden übernehmen mussten.
Auch Horst spürt in seiner Arbeit in der Schulsozialarbeit diese Anspannung, denn viele Schüler*innen waren gestresst. Der Leistungsdruck durch die Eltern ist enorm und zusammen mit dem ägyptischen Temperament gibt es viele explosive Situationen.
Aber es gab auch viele schöne Schultage, z. B. den Advents-Projekttag in der Grundschule und die Klassenweihnachtsfeier.
Wir freuen uns nun auf Weihnachten unter Palmen.
Am Heiligen Abend werden wir zuerst in einen deutschen Gottesdienst gehen, incl. anschließendem Ständerling mit netten Gesprächen. Von dort gehen wir in die Oper, wo doch tatsächlich ein Christmas Concert, u. a. mit Ausschnitten aus dem Bach’schen Weihnachtsoratorium, gegeben wird.
Außerdem wollen wir die Zeit zum Wandern nutzen, das Wetter ist jetzt ideal dazu.
22.12.2022
Das Kollegium feiert Weihnachten
Der Aushang im Lehrerzimmer war nicht zu übersehen: Weihnachtsfeier im Anschluss an den letzten Schultag mit Wichtelgeschenk im Wert von mindestens 250 LEG (ca. 10 Euro). Dass sich ein Kollegium mit mehrheitlich moslemischem Glauben zu einer Weihnachtsfeier trifft, wundert uns inzwischen nicht mehr anbetracht der allgemeinen Weihnachtsbegeisterung auf allen Straßen und Plätzen. Also versammelten wir uns im Schulhof mit unserem liebevoll verpackten Geschenk unter dem Arm. Dort fiel uns gleich auf, dass alle anderen ihre Geschenke ganz ohne Verpackung vor sich stehen hatten. Praktisch, denn so wusste man gleich, welche Schätze es beim Wichteln gab. Auch die weiteren Spielregeln waren interessant. Es wird reihum gewürfelt. Bei 1 wandert das Geschenk um einen Platz zum rechten Nachbarn, bei einer 3 um drei Plätze zum linken Nachbarn. Wem das Würfelglück eine 6 beschert, der darf sich ein Geschenk aus dem gesamten Angebot aussuchen und scheidet aus. Nach zwei Durchläufen endete das Wichteln und die noch verbleibenden Mitspieler*innen behielten das Geschenk, das sich direkt vor ihnen befindet. Das beliebteste Geschenk war übrigens die Kiste mit edlen Keksen.
Nach dem Wichteln lud die Schulverwaltung zu einem leckeren Weihnachtsbuffet ein, untermalt von amerikanischen Weihnachtshits und deutscher „Stille Nacht“. Als dann nach dem Essen die ersten ägyptische Hits erklangen, wurde zum Ausklang noch eifrig das Tanzbein geschwungen.
21.12.2022
Shadow-Teacher
Was macht man mit Oberstufenschüler*innen, die sich im Unterricht zu passiv verhalten und sich zu oft unmotiviert zurücklehnen? Keine Ahnung, was in Deutschland in diesem Fall unternommen wird. Hier werden sie einfach eine Woche lang als Shadow-Teacher in den unteren Klassen eingesetzt, also eine Art Praktikantenstelle, um durch diesen Rollentausch einen anderen Blick auf den Unterricht zu erhalten. Meiner Klasse wurde Fahra zugeteilt. Die lebhaften, aufgeweckten Zweitklässler*innen nahmen die freundliche Fahra gleich in Beschlag und alle ließen sich gern von ihr helfen. Ob diese Art von Erfahrungen bei den Oberstufenschüler*innen ausreicht, mehr Verantwortung für das eigene Lernen zu entwickeln, wird sich in den nächsten Wochen zeigen. Bei Nichterfolg kann Fahra gern wieder zu uns in die Klasse kommen, meine Schüler*innen würden sich riesig freuen.
16.12.2022
Weihnachtsmarkt bei Kurzarmwetter
Am gestrigen Freitag öffnete unsere Schule ihre Türen für einen Weihnachtsmarkt.
Der Schulhof hatte sich in einen stimmungsvollen Begegnungsort verwandelte, bei dem Kinder, Eltern, Lehrkräfte und Freunde der Schule in eine entspannte Festatmosphäre eintauchen konnten. Überall gab es ein fröhliches Hallo, freudiges Lachen, lebendige Gespräche und angeregten Austausch. Daneben boten hübsch geschmückte Buden viel Nützliches und Schönes an. Auch das Vergnügen kam nicht zu kurz, denn die Erzieherinnen des Kindergartens hatten tolle Bastelangebote vorbereitet und Kirmesstände, Bungee-Jumping und zahlreiche Hüpfburgen sorgten für ausgelassenen Spaß. Ebenso war für das leibliche Wohl gesorgt.
Das eigentliche Highlight aber waren die Schülerinnen und Schüler: Schon im Vorfeld hatten Kindergarten und Schule eifrig für ein abwechslungsreiches Bühnenprogramm geübt. Das Ergebnis war beeindruckend! Alle waren mit Feuereifer dabei und präsentierten voller Stolz ihre Lieder, Tänze und Instrumentalstücke. Das Publikum war begeistert und sparte nicht mit Applaus.
10.12.2022
Nun ganz offiziell: die Arbeitsgenehmigung
Was deutschen Ureinwohner*innen wenig bekannt ist, sind die Hürden bis es zur Arbeitsgenehmigung als ausländische Arbeitskräfte kommt. Das ist in Deutschland ein komplexer und nicht immer einfach zu absolvierender Prozess.
Das gilt natürlich auch für Ägypten. Zum Glück trägt der Arbeitgeber die Hauptlast in diesem Verfahren. Die Liste der Anforderungen umfasst z. B. sieben Passfotos, übersetzte und beglaubigte Zeugnisse, Anerkennung des Berufsabschlusses (vom Kultusministerium Baden-Württemberg), negativer Aidstest und Staatssicherheitsprüfung.
Gerade beim Ergebnis der Staatssicherheitsprüfung waren wir etwas unsicher, denn in der Vergangenheit haben wir uns mehr als einmal an Unterschriftenlisten über Menschenrechtsverletzungen in Ägypten beteiligt. Umso mehr freuen wir uns, dass Anette jetzt ganz offiziell eine Arbeitsgenehmigung erhielt bzw. Horst als mitreisender Ehemann anerkannt ist.
Damit werden uns die regelmäßigen Besuche in der Ausländerbehörde zur Verlängerung der kurzzeitigen Visa erspart, die sehr anstrengend und keinesfalls vergnügungssteuerpflichtig sind.
10.12.2022
Christmas XXXL
6.12.2022
Von drauß' von der Wüste komm' ich her,…
Die deutsche Vorweihnachtszeit kennt viele Bräuche, die besonders von den Kindern geliebt werden.
Auch hier war die Vorfreude auf den Nikolaus in allen Klassen zu spüren. Im Unterricht wurden Texte über den historischen Nikolaus gelesen, überall klang „Lustig, lustig, trallalalala...“ aus den Zimmern und eifrig wurden Gedichte eingeübt.
Auch die passende Bekleidung und entsprechende Accessoires wie Nikolausmützen, Rentierhaarreifen und Pullis mit Weihnachtsmotiven durften nicht fehlen.
Heute kam der Nikolaus nun endlich leibhaftig in alle Grundschulklassen, um jedem Kind ein Säckchen, gefüllt mit Mandarinen, Nüssen und Schokolade, zu überreichen.
Als in einer Klasse vor Aufregung der Text des Nikolausgedichtes nicht mehr präsent war, half der Nikolaus auf die Sprünge: "Von drauß' von der Wüste komm' ich her..." Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass es ein großes Gelächter gab.
5.12.2022
All‘ überall auf den Palmenspitzen sah ich weiße Lichtlein blitzen…
Die Deutsche Schule folgt nicht nur dem deutschen Bildungsplan, sondern legt auch sehr viel Wert auf die Vermittlung der deutschen Kultur, von Traditionen und Bräuchen.
Besonders in der Weihnachtszeit treffen sich Orient und Okzident zu einer interessanten Mischung.
Das ganze Schulhaus ist liebevoll dekoriert, sowohl in den Fluren wie auch in den Klassenzimmern.
Das Ergebnis ist deutsches Weihnachtsfeeling mit allem, was der reichhaltige ägyptische Dekohandel hergibt….
27.11.2022
Fußball-WM
Guckt ihr die Fußball-WM? Diese Frage erübrigt sich in Ägypten, denn politische Diskussionen stoßen in diesem Zusammenhang auf Unverständnis. Ägypten ist ein fußballbegeistertes Land. Immer wieder werden wir als Deutsche darauf angesprochen. Nicht wenige Ägypter können die Bundesliga-Vereine rauf und runter nennen.
Da liegt es nahe, dass es auch in der Schule viele Fußballfans gibt, die sich für die WM begeistern. Deshalb wird der Schulhof während der Fußball-WM abends zum Treffpunkt für Fußballfans. Eine Großleinwand und ein Beamer sorgen dafür, dass bei allen Spielen echtes WM-Feeling aufkommt. Die Schulgemeinschaft nutzte das Angebot gern, gemeinsam für ihre Lieblingsmannschaft(en) zu fiebern.
Mit besonderer Spannung wurde das Spiel Deutschland gegen Spanien erwartet. Die beiden Gegner versprachen ein packendes Match. Die Stimmung war bestens. Die Zuschauer gingen begeistert mit, sowohl bei den spanischen wie bei den deutschen Spielzügen. Offensichtlich hatten beide Mannschaften zahlreiche Fans im Publikum, wie den abwechselnden Jubelschreien und gleichzeitig bedauernden Ausrufe zu entnehmen war. Es war ein aufregendes Fußballduell, bei dem die Anhänger beider Mannschaften voll auf ihre Kosten kamen. Auch bei den nächsten Spielterminen wird es wieder Public Viewing im Schulhof geben, mit Fanartikeln und Popcorn vom Schulkiosk.
26.11.2022
Fröhliche Weihnacht überall
مكان عيد ميلاد سعيد في كل
Gestern dachten wir noch etwas schamhaft, dass Advent eine deutsche Tradition und somit importierte Fremdkultur in Ägypten sei. Heute stellen wir beim Bummel in der nächste Einkaufsstraße fest, dass es überall bereits weihnachtet.
Weihnachtslieder tönen im Supermarkt, Weihnachtsplätzchen werden verkauft, im Restaurant wird der Tisch mit einer Weihnachtsdecke eingedeckt, Weihnachtsmann und Rentiere sind üppige Straßendekorationen.
Und dabei ist es hier ein islamisches Land!
Im Unterricht werde ich allerdings, jetzt wo sich auch im Deutschbuch alles um Feste und Feiern dreht, auf jeden Fall das wichtigste Fest im Islam, das Ende des Ramadan, thematisieren.
25.11.2022
Advent, Advent, ..… der Plastikbaum blinkt!
Wer Sorge hatte, wir könnten Heimweh nach deutschen Weihnachtsvorbereitungen bekommen, den können wir beruhigen. Im Schulhaus hängen schon die ersten Sterne, Glocken und Weihnachtsmänner und heute waren wir auf dem Weihnachtsmarkt der Deutschen Evangelischen Oberschule. Bereits bei der Anfahrt war zu erkennen, dass hier ein besonderes Ereignisse stattfindet. Dicker Stau, Ordnungskräfte in vollem Einsatz und zweireihige Parkschlangen waren ein erster Hinweis auf den riesigen Publikumsandrang. Wir ließen uns durch das weitläufige Schulgelände voller Stände und Angebote treiben, trafen unsere neuen deutschen Bekannten und lauschten den musikalischen Beiträgen auf der Bühne.
Für die DEO als Begegnungsschule ist der jährliche Weihnachtsmarkt nicht nur ein Treffpunkt für die aktuelle und ehemalige Schulgemeinschaft und für alle aktuell in Kairo und Umgebung lebenden Deutschen, sondern auch eine Plattform für interkulturelle Begegnungen. Ägyptische Handwerkskunst trifft hier auf deutsche Adventskränze, Glühwein, Dominosteine und Schweizer Raclette. Selbst die deutsche Botschaft ist mit verschiedenen Verkaufsständen und einem Berliner Café vertreten. Auch die deutsche evangelische Kirchengemeinde ist mit ihrem Kirchenzelt mit dabei. Der gesamte Erlös geht an über 30 soziale Projekte in Ägypten. Bei strahlendem Sonnenschein und 25 Grad kam zwar keine richtige Weihnachtsstimmung auf, aber ein abwechslungsreicher Ausflug war es auf jeden Fall.
24.11.2022
Bloß nichts wegwerfen!
In Ägypten lebt ungefähr 30 % der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Da ist Sparsamkeit keine schwäbische Tugend, sondern eine Überlebensstrategie. Allerdings ist es auch keine Schande, mit ramponierten, defekten oder abgeramschten Dingen zu leben. Irgendwie kann man alles weiterverwenden. Da stört es auch niemanden, dass es in der Schule kaum eine funktionierende Uhr in den Klassenzimmern gibt. Und wenn das Beamerkabel einen Wackelkontakt hat, dann ist das eben so. Auf keinen Fall wird etwas weggeworfen. Schließlich könnte es vielleicht in fünf Jahren noch einmal Verwendung finden.
Die Sammlung an Stühlen stammt - anders als ihr vielleicht vermutet - nicht aus einem Elendsviertel: Zwei der vier Fotos wurden in der Cafeteria des Gesundheitsamtes aufgenommen.
18.11.2022
Häuser für die Ewigkeit
Die Pharaonen waren Superstars – auch nach ihrem Tod. Zahlreiche Tempel legen davon ein beredtes Zeugnis ab. Auf unserer Reise nach Oberägypten tauchten wir in die Magie und die Schönheit der beeindruckenden Überreste ein. Der Nachtzug brachte uns nach Luxor, wo wir im Tal der Könige, in Karnak, Medinat Habu und im Luxortempel die zum Teil noch hervorragend erhaltenen Kunstwerke und ihre Geschichte kennen lernten. Weiter ging es über die Tempelanlagen von Edfu und Kom Ombo nach Assuan. Dort schlug uns der Isisi-Tempel in Philae in seinen Bann. Nach weiteren 300 km durch die Wüste erwarteten uns die riesige in den Fels gehauene Tempelanlage von Abu Simbel. Wir könnten noch ewig weitererzählen von unserer Begeisterung für diese kulturellen Highlights. Nur ein kleiner Hinweis: Bei aller Einzigartigkeit jeder dieser Orte fanden wir Luxor mit seiner Dichte an Tempeln und Kultanlagen am faszinierendsten.
Daneben sammelten wir zahlreiche Eindrücke von Landschaft und Alltag im fruchtbaren Niltal, in den Bauerndörfern mit ihren bewässerten Feldern, wo immer noch mehr Reiter auf Eseln und Eselskarren als Privat-Pkws unterwegs sind. Dagegen stand die Wüstenlandschaft, immer wieder unterbrochen durch riesige kreisrunde bewässerte Felder. Auch ein Besuch des alten und neuen Assuan-Staudammes war beeindruckend. In Assuan hatten wir außerdem Gelegenheit zum Besuch einer Duft- und Heilölproduktion, ganz auf den Spuren der zahlreichen Tempelreliefs mit Opfergaben in Form von Duftessenzen. Wir konnten auch einen Blick auf die nubische Kultur werfen, die von der Assuan-Region bis in den angrenzenden Sudan hinein zu Hause ist, einschließlich unserer Übernachtung in einem nubischen Haus und dem Besuch des nubischen Museums. Mit einer fünfzehnstündige Zugfahrt entlang des Niltals ging es zurück nach Kairo.
13.11.2022
100 Tage – eine erste Bilanz
Gerade mal 100 Tage sind vergangen, seit wir in Kairo aus dem Flieger gestiegen sind. Vieles ist uns inzwischen so vertraut, als wären wir schon gaaaanz lange hier. Von Anfang an fühlten wir uns gut aufgenommen. Überall sind wir willkommen und werden selbst im Vorbeigehen von Wildfremden mit einem freundlichen „Welcome to Egypt“ begrüßt.
Wir fühlen uns sehr wohl. Besonders genießen wir die Mischung zwischen den beruflichen Herausforderungen in einem veränderten Kontext und die Möglichkeiten, mit allen Sinnen in eine andere Lebenswelt einzutauchen, seien es Eindrücke von Landschaft, Natur und Kultur oder Lebensgeschichten und Traditionen. Manchmal fühlen wir uns wie in einem langen Urlaub.
Uns gefallen die interessante Ausflüge am Wochenende, aber ebenso zufrieden sind wir mit unserem Arbeitsumfeld. Im Umgang mit den Kindern, den Kolleg*innen, der Verwaltung und den Eltern erleben wir einen regen Austausch und ein gutes Miteinander.
Vieles, was uns zu Hause nerven würde, haken wir hier unter dem Stichwort „Abenteuer“ ab und schon gleich lässt sich der Stromausfall besser ertragen.
Wir erleben aber auch Situationen, die für uns ungewohnt sind. Dazu gehört die Erfahrung, dass flache Hierarchien unbekannt sind. Selbst zehn Bogen Tonpapier und 10 Meter Biegedraht zum Laternenbasteln werden nur geliefert, wenn sie mit einer Unterschrift der Verwaltung bestellt wurden.
Ungewohnt ist auch, wie schnell Emotionen hochkochen und dass eine gute Portion Drama dazugehört. Ebenso befremdlich, dass die Schuld sofort beim anderen gesucht wird. Schon Malek aus der zweiten Klasse sagt nach seiner schlechten Mathearbeit ganz vorwurfsvoll zu mir: „Diese Aufgaben hast du nicht erklärt!“ Als ich ihm das Gegenteil problemlos aufzeigen kann, meint er: „Ja, aber du hast es mir nicht aufgeschrieben!“ Extrem kann es bei Bereichen wie Unfälle im Schulbereich werden. Zum Beispiel wurde ein Junge von einem Softball getroffen und war so überrascht, dass er aus Versehen stolperte und schmerzhaft auf das Gesicht fiel. Für das betreffende Kind ist es traurig und bedauerlich. Bei Lichte betrachtet sind es aber Situationen, die nicht zu verhindern waren und zum allgemeinen Lebensrisiko dazu gehören. Nicht so in Ägypten: Da werden die Eltern sofort bei der Schulleitung vorstellig, beschuldigen die Lehrkräfte, stellen die gesamte Sicherheit in Frage, bemängeln massiv die fehlende Aufsicht (was nicht zutrifft) und erwarten sofort einen detailierten Bericht, was die Schule unternimmt, um die Schuldigen zu bestrafen. Zum Glück kühlen sich diese hitzigen Debatten auch relativ schnell wieder ab.
Was wir inzwischen, mit ziemlichem Bedauern, erkennen, ist die schwere Sprache. Wir sprechen lediglich ein paar Brocken arabisch, aber zum Glück ist immer jemand in der Nähe, der Englisch kann und freundlicherweise übersetzt.
Die 100 Tage werden wir mit einem Ausflug nach Luxor und Assuan feiern. Jetzt ist es von den Temperaturen her ideales Reisewetter. Wir freuen uns auf ein weiteres spannendes Kapitel altägyptischer Kultur.
12.11.2022
„Durch die Hölle zum Himmel“
Wer in die koptische Felsenkirche will, der kommt durch die stillgelegten Steinbrüche am Fuße der Mokkattam-Hügel. Der Weg führt durch eine Müllstadt, wo zwischen den einfachsten Wohnhäusern der gesammelte Müll von Kairo sortiert und größtenteils in kleinen Recyclingunternehmen wiederverwertet wird.
Wir fahren durch enge Straßen, an deren Ränder sich links und rechts der Müll zu riesigen Bergen türmt. Voll beladene Pickups verstopfen die engen Durchfahrten zwischen den Häusern. Tausende Tonnen von Müll warten darauf, sortiert zu werden. Dazwischen sehen wir Kühe. Schweine ernähren sich vom organischen Abfall.
Hier leben die Kopten, eine christliche-orthodoxe Glaubensrichtung, die zwischen 6 % und 10 % der Gesamtbevölkerung ausmachen. Sie sind zahlreichen Formen der Diskriminierung ausgesetzt. Viele Kopten haben keine andere Perspektive als ihren Lebensunterhalt als Müllsammler zu verdienen. Auf arabisch heißen sie Zabbaleen, die Müllsammler von Kairo.
Tatsächlich ist es ihrer Arbeit zu verdanken, dass ein hoher Anteil von Kairos Müll recycled und weiterverwendet wird. 2002 vergab die Regierung die Rechte auf Kairos Abfall an ausländische Unternehmen, die jedoch erfolglos waren. Deshalb kehrte man zum alten System der Zabbaleen zurück.
Tatsächlich sind die Bedingungen für die Menschen äußerst prekär und kaum mit Worten zu beschreiben. Dieses Leben ist wohl nur zu ertragen durch die Hoffnung und den Zusammenhalt, der durch den Glauben getragen wird. An vielen Häusern sieht man Heiligenbilder. Am Ende der Straße befindet sich die beeindruckende Felsenkirche im ehemaligen Steinbruch. Die Wände zieren Reliefs mit Szenen aus der Bibel.
Die Kirche war ursprünglich eine riesige natürliche Höhle, die zu einem koptischen Gotteshaus erweitert wurde, in dem an hohen Feiertagen bis zu 20 000 Gläubige miteinander feiern.
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12.11.2022
Klimakonferenz in Ägypten
Die Weltklimakonferenz zu Gast in Ägypten – blumige Worte, verhaltene Ankündigungen, unbeeindruckte Realitäten, so kann man kurz zusammenfassen, was im ägyptischen Alltag ankommt.
Ägypten sieht seine Zukunft auf jeden Fall nicht in den Erneuerbaren: Ende Juni 2022 wurde die Baugenehmigung für das erste Atomkraftwerk in Ägypten erteilt. Es wird vom russischen Atomkonzern Rosatom gebaut, betrieben und die Uranstäbe sowie ein Lager für deren Zwischenlagerung geliefert. Fragen rund um die Endlagerung sind kein Thema. Ägypten verfügt über große Gasvorkommen, die auch verstärkt in den deutschen Markt fließen.
Trotz der vielen Sonnentage und den wenig ungenutzten Wüstenflächen betrug der Anteil der Erneuerbaren Energien am tatsächlichen Stromverbrauch in Ägypten rund 5,3 Prozent im Jahr 2019. Auch wenn die größte Fotovoltaikanlage Afrikas in der Nähe von Assuan steht, gibt es für Privatpersonen keine Anreize, Strom für den Eigenbedarf zu produzieren, da Kleinanlagen sehr teuer sind und Überschüsse nicht ins Netz eingespeist werden können. Auch Solarthermie zur Erwärmung des Brauchwassers wird kaum eingesetzt, wie wir mit einem Blick auf die Dächer leicht feststellen können.
CO2-Emissionen gehen zu einem hohen Anteil vom Autoverkehr aus – öffentlicher Nahverkehr ist kaum vorhanden -, aber auch von Abgasen aus Industrieanlagen.
Mit einer zehnten Klasse hatte ich Gelegenheit, über die Weltklimakonferenz zu sprechen. Fridays for future ist hier keine nennenswerte Bewegung. Einige wussten sehr wohl aus sozialen Netzwerken, welche Bedrohung von der Klimaerwärmung ausgeht. Andere zuckten nur mit den Schultern und waren überzeugt, dass zu ihren Lebzeiten nichts zu befürchten sei. Auch die Tatsache, dass z. B. in Alexandria bereits Teile der Stadt massiv bedroht sind oder die Korallenriffe am Roten Meer absterben, war nur wenigen bewusst.
Die Zivilgesellschaft in Ägypten ist sehr schwach ausgeprägt. Gleichzeitig ist das Erleben einer demokratischen Wirksamkeit sehr gering. Kein Wunder, dass es die wenigsten Leute für sinnvoll halten, sich zu engagieren.
09.11.2022
„Wir alle sind Lichterkinder….“
so hieß der Lieblingshit der Erst- und Zweitklässler*innen beim Laternenfest.
Am 11. November ist traditionell Martinstag, der in unserer Schule - wie in jedem Dorf und jeder Stadt in Deutschland - mit einem Laternenumzug gefeiert wird. Dieser Tag erinnert an die Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit des Heiligen Martins, der seinen Mantel mit dem Schwert teilte und eine Hälfte dem frierenden Bettler schenkte.
Schon lange vorher wurden in den Klassen wunderschöne Laternen gebastelt, alle aus Recyclingmaterial. Es gab Laternen, die in bunten Farben erstrahlten, aber auch Mäuse, Sonnen, Fledermäuse und Kürbisgeister, die zusammen mit den festlich geschmückten Lichterketten im Schulhof um die Wette leuchteten. Alte wie neue Laternenlieder wurden aus voller Kehle gesungen. Ein besonderer Höhepunkt war das Martinsspiel der vierten Klasse, das mit viel Beifall bedacht wurde. Danach ging es zum Laternenumzug durch Beverly Hills, gut beschützt durch den Sicherheitsdienst mit Blaulicht und Straßenabsperrungen sowie in Begleitung von Oberstufenschüler*innen. Am Ende gab es für jedes Kind noch ein leckeres Martinsgebäck, bevor sich alle auf den Heimweg machten.
08.11.2022
Was macht eine Grundschulleiterin?
Ich sitze gerade im Lehrerzimmer nach fünf Stunden Unterricht, mit Praktikantinnenanleitung und Feedback; Tür- und Angelgespräch mit dem Techniksupport wegen der Anschaffung dringend benötigter Laptops, HDMI-Kabeln und anderem Zubehör; regle die Beschwerde der Fluraufsicht, weil die Kinder einer vierten Klasse ständig in Gruppen auf die Toilette gehen; führe ein Gespräch mit dem Stundenplanmacher, dass die Kolleginnen gewünschte Änderungen zeitnah mitteilen sollen; habe eine Beratung mit dem Schulvorstand, der sich mit mir wegen neuer Schüler*innenspinde austauschen wollte. Und dann noch das Gespräch mit Omr, der schon wieder auf dem Flur sitzt, weil er dauerhaft Konflikte in seiner Klasse hat.
Außerdem läuft die Vorbereitung für den Umzug und Laternenfest am Martinstag, wo noch ein Pferd mit Reiter gesucht wird und die Technik für das Martinsspiel der 4. Klasse organisiert werden will.
Die letzten Absprachen für eine Hausaufgabenbetreuung durch zwei Schüler*innen der Oberstufe, die am Donnerstag startet, stehen auch noch auf dem Programm.
Zudem habe ich es inzwischen geschafft, in allen Grundschulklassen zu hospitieren und mir einen Überblick über den Leistungsstand in Deutsch zu verschaffen. Generell sind kollegiale Hospitationen mit mindestens zwei gegenseitigen Unterrichtsbesuchen pro Jahr fest im Kollegium verankert, was ich als sehr positiv und anregend erlebe.
Transparenz und Qualität im Unterricht sind ein wichtiges Thema. Dazu gehört z. B. auch, dass mir alle Klassenarbeiten nach erfolgter Konzeption mindestens drei Tage vor dem Termin vorgelegt werden; nach der Klassenarbeit erhalte ich aus jeder Klasse in jedem Fach je eine Arbeit mit einer guten, mittlere und schlechten Note, um einen Überblick über das Leistungsniveau zu bekommen.
So weiß ich inzwischen, dass ein Konzept zur Verbesserung der Rechtschreibleistung und der Schrift aufgesetzt werden muss. Das sollte noch diesen Monat passieren, damit ggf. neue Lehrwerke in Deutschland bestellt werden können, denn von der Bestellung bis zur Auslieferung zum Beginn des neuen Schuljahres vergehen locker sechs Monate.
Langeweile sieht anders aus, mein Schultag von 7.45 Uhr bis 14.30 Uhr (Präsenzpflicht auch bei Freistunden) empfinde ich als sehr abwechslungsreich und die zusätzlichen Herausforderungen als Schulleitung eine gute Ergänzung zum Unterricht in meiner zweiten Klasse. Dafür stehe ich allerdings auch nicht die üblichen 30 Stunden (á 40 Minuten) vor den Schüler*innen, sondern unterrichte nur 24 Stunden.
06.11.2022
Ab jetzt: Schulsozialarbeiter
Dass der Ruhestand nichts für Anette ist, war abzusehen. Aber nun hat es Horst auch wieder in die Schule gezogen. Allerdings nicht mehr als Lehrer, sondern als Schulsozialarbeiter. Seit 1. 11. ist er mit 10 Stunden pro Woche im Auszeitraum anzutreffen.
Dort können Schüler*innen zum Durchatmen, zum Stressabbau oder zum Nachdenken über ihr Verhalten in eine entspannte Atmosphäre eintauchen. In seinem neuen Arbeitsfeld leistet Horst Beziehungsarbeit, glättet Emotionen und schlichtet Konflikte.
Die Schule ist sehr froh, dass Horst mit seinen 40 Jahren Hauptschulerfahrung sowie als langjähriger Ausbilder für Schülermediatoren einen großen Erfahrungsschatz einbringt.
Der eigentliche Sozialarbeiter, der zusammen mit uns eingereist ist, hat schon vor Schuljahresbeginn festgestellt, dass er sich hier nicht wohl fühlt und fuhr gleich wieder zurück nach Deutschland. Alle Bemühungen, einen Ersatz zu finden, waren leider nicht erfolgreich. Insgesamt sieht man es hier mit Papierqualifikationen nicht so eng: Eine Zahnärztin unterrichtet Bio, eine Apothekerin macht Chemieunterricht.
05.11.2022
Unterrichtsqualität
Nicht nur der neue Schulsozialarbeiter ist berufsfremd, die meisten der Kolleginnen haben Berufe wie Bankkauffrau, Reiseführer, Erzieherin oder Sprachwissenschaftlerin. Die Deutsche Zentralstelle für Auslandsschuldienst hat deshalb Kurse entwickelt, mit denen die fachfremden Kolleg*innen berufsbegleitend für den Unterricht fit gemacht werden. Dank dieser Kurse ist die Unterrichtsqualität tatsächlich sehr hoch. Zudem werden in den Kursen immer aktuelle pädagogische, didaktische und methodische Erkenntnisse eingearbeitet. Beispielsweise werden die Schüler*innen bereits in der Grundschule nach der Deutschstunde um eine Feedbackmeldung gebeten oder bei der Konzeption der Klassenarbeiten wird besonderen Wert auf die „Transferaufgabe“ gelegt.
Oder bei der Frage, wie wir die Schüler*innen darin unterstützen, phonologisch korrekt zu sprechen - viele sprechen mit einem starken Akzent - hilft uns gerade Sheeren mit neusten Unterlagen der Uni Leipzig. Bis vor kurzem hat die Masterstudentin an unserer Schule Sprachförderunterricht gegeben, seit Oktober ist sie jetzt für ein Auslandssemester in Leipzig, wo sie zufällig eine Vorlesungsreihe genau zu diesem Thema belegt hat. So werden wir mit aktuellem Wissen versorgt und können die Unterrichtsqualität kontinuierlich hoch halten.
Insgesamt ist die Zusammenarbeit unter den Kolleg*innen sehr gut und es herrscht ein reger Austausch untereinander.
04.11.2022
Besuch im Reich der Toten
Die imposante Bestattungskultur im alten Ägypten fasziniert uns immer wieder aufs Neue. Während die drei großen Pyramiden von Gizeh jeden Reiseprospekt über Ägypten zieren, ist ihr Innenleben tatsächlich äußerst unspektakulär. Wer eine Vorstellung von der Pracht und Schönheit der pharaonischen Grabkammern erhalten möchte, der muss sich die Nekropolis in Sakkara ansehen. Hier findet man zahlreiche Grabstätten, von der Stufenpyramide über Mastabas (einfache Grabaufbauten) bis zu gigantischen Grabschächten, die in die Tiefe des weichen Kalksteinfelsen gegraben wurden.
Im Inneren einiger der Pyramiden wandern wir in den niedrigen Gängen teilweise bis zur Grabkammer. Die Sarkophage und die kostbaren Grabbeigaben sind nur im Museum zu bewundern, aber viele Wände sind noch original mit ihren ursprünglichen Stein- und Bilddekorationen erhalten. Sie bringen uns zurück in die Zeit vor über 4600 Jahre in die Welt an den Pharaonenhöfen. Wir bewundern die gemalten oder in Stein gemeißelten, fein gearbeiteten, ganz realistischen Wandbilder. Es fällt uns auf, dass sie häufig Szenen beim Erntefest zeigen. Kriegsdarstellungen haben wir wenig gesehen. Wir folgern daraus: Für die Herrscher schien die Ernährungssicherung im Diesseits und im Jenseits an erster Stelle zu stehen.
Im Mittelalter waren die Grabstätten für die Elite zwar nicht ganz so spektakulär, aber ebenso prachtvoll. In der „Stadt der Toten“, ursprünglich außerhalb von Kairo gelegen, aber durch die massive Expansion nun integriert, finden sich bis heute mehrere mittelalterliche Sultansgräber mit den entsprechend prachtvollen Mausoleen. Einige der verbliebenen Mausoleen haben eine phantastische Akustik, die zum singenden Ausprobieren einlädt.
Heute wird dieses Areal größtenteils als Wohnraum genutzt und beherbergt heute geschätzte zwei Millionen - vor allem arme – Menschen.
01.11.2022
„Wird bei euch auch Halloween gefeiert?“
… so wurden wir aus Deutschland angefragt.
Tatsächlich ist Halloween auch an unserer Schule ein Thema - allerdings nur in der amerikanischen Abteilung, die aber eine gänzlich eigene Schule ist, mit der wir nur wenigen Berührungspunkte haben. Da gehört es zum Schulprofil, dass diese amerikanische Tradition gelebt wird. Dort wurde Halloween als ein Spielfest auf dem Sportplatz gefeiert, natürlich mit entsprechenden Kostümen.
Sonst scheint Halloween in Ägypten nicht sehr verbreitet zu sein.
Einzig unsere Kunstlehrerinnen nehmen Halloween zum Anlass, um orangefarbige Kürbisse, Skelette aus Wattestäbchen und andere Gruselwesen zu gestalten.
Dafür wird an unserer Schule und im Kindergarten das Martinsfest gefeiert - mit Laternenumzug und Martinsliedern, trotz muslimischem Land und nur wenigen koptischen Schüler*innen. Das Martinsfest ist eindeutig "Fremdkultur", aber wir finden es sehr schön, dass eine deutsche Tradition, die für Solidarität und Menschlichkeit steht, an der Schule gelebt wird.
In allen Klassen werden bereits Laternen aus leeren Wasserflaschen gebastelt. Meine Kolleg*innen sind also auch schon auf Up-/Recycling gekommen.
30.10.2022
Zur Belohnung eine Dish-Party…
Die ersten Schulwochen sind vergangen. Alle Klassen schreiben in einem Zeitraum von zwei Wochen die Klassenarbeiten, jede Klassenstufe am gleichen Tag. Die Kinder haben für die Arbeiten zu Hause tüchtig gelernt. Bei einigen Kindern habe ich mich wirklich gewundert: In der Klasse träumen sie vor sich her, müssen immer wieder für eine konzentrierte Arbeitshaltung motiviert werden, aber in den Klassenarbeiten waren ihre Ergebnisse nun unerwartet gut. Inzwischen weiß ich, dass viele Kinder Nachhilfeunterricht haben, auch jetzt schon in der zweiten Klasse, um garantiert eine Eins zu schreiben. Eine Zwei gilt schon als eine schlechte Note. Ein Vergleich mit den ägyptischen Schulen liegt nahe: Hier geht die Notenskala von 1 bis 4. In Klasse 1 und 2 kann niemand wiederholen, auch bei schwerwiegenden Gründen geht das nur mit einer Genehmigung durch das Bildungsministerium.
Die Schüler*innen haben sich nach der vielen Lernerei eine kleine Belohnung verdient. Deshalb gab es heute in allen Klassen eine „Dish-(Geschirr-)-Party“, also ein Buffet mit mitgebrachtem Fingerfood. Die Eltern haben den Kindern reichlich Leckereien mitgegeben, so dass sich die Kinder den ganzen Tag über vom Buffet bedienen konnten. Da hat das Lernen nochmal so viel Spaß gemacht.
29.10.2022
Zu Gast in Anaphora
Wo vor über 1500 Jahren die Wüstenväter ihren Glauben gelebt haben, dehnt sich heute auf 120 Hektar die koptische Anaphora-Community aus. Anaphora ist vor über 20 Jahren aus der Vision des koptischen Bischofs Thomas entstanden, der inmitten der Wüste ein Ort der Begegnung und der Gemeinschaft schaffen wollte. Schon die Anfahrt durch eine Allee von blühenden Bougainvillen verzaubert uns und führt uns zu Gebäuden in nubischer Kuppelbauweise, Palmenhaine, Obst- und Gemüsegärten, Werkstätten, Wasserbecken und dazwischen viele lauschige Sitzecken. Im Tagungszentrum finden Seminare zum Gemeindeaufbau statt, Tagesgäste wie Übernachtungsgäste sind willkommen. Ein Bibelpark mit einer begehbaren Arche Noah, einem Nachbau des Jerusalemer Tempels mit Bundeslade inklusiv (nachkarfreitäglichem) zerrissenen Vorhang, einer unterirdischen Kirche, die überreich mit biblischen Szenen ausgestaltet ist, um den (vielen) nichtalphabetisierten Kopten das Leben Jesu zu illustrieren, gehören ebenso zum Gelände wie eine Kapelle und eine Kirche, in der allabendlich eine kontemplative Andacht stattfindet. In Anaphora sind Gäste aller Konfessionen eingeladen, für kürzer oder länger das Leben der koptischen Ordensgemeinschaft zu teilen. In den Werkstätten arbeiten arbeitslose Jugendliche und Freiwillige aus allen Ländern beim Teppichweben, Korbflechten und in Kerzenproduktion zusammen, ebenso in der Landwirtschaft, die zur Selbstversorgung genutzt wird und für den lokalen Markt produziert. Das ganze Areal atmet gelebte Glaubensbotschaft und ist eine spirituelle Quelle inmitten der Wüste, ein Samen der Hoffnung, eine Brücke zum Austausch und zum Miteinander der Konfessionen und von Menschen der unterschiedlichsten Herkunft.
Die deutsche evangelische Gemeinde in Kairo hatte zu einem Neulings-Wochenende nach Anaphora eingeladen. Etwa 30 Menschen kamen, darunter auch einige „alte Hasen“, eine interessante Mischung, zu der eine Botschaftsangestellte, ein Schiffsbauer für Thyssen-Krupp-U-Boote, ein Verwaltungsfachmann und jede Menge Lehrkräfte aus den verschiedenen deutschen Schulen zählte. Es war eine sehr offene, zugewandte Atmosphäre mit lebhaftem Austausch , ein Gesprächsabend mit dem Gründer von Anaphora, Bischof Thomas, Themenarbeit über „Heimat und Zuhause“, aber auch Zeit für Ruhe und Entspannung bis hin zum entspannten Treffen am Lagerfeuer. Wir haben die einfachen, aber sehr geschmackvoll eingerichteten Räume, das leckere Essen und das erfrischende Bad im Schwimmbecken, dessen Wasser anschließend zur Bewässerung der landwirtschaftlichen Fläche dient, genossen. Bestimmt werden wir wiederkommen!
25.10.2022
Hilfe, es regnet!
Schon am Morgen ziehen dunkle Wolken am Himmel auf. Im Laufe des Tages fällt tatsächlich heftiger Regen. Ganz ungewohnt für Kairo, wo es monatelang überhaupt nicht regnet. In der Pause ist der Schulhof wegen Überschwemmung gesperrt. Dabei würden die Schüler*innen soooo gerne in die Pfützen springen! Sie erinnern uns an die deutschen Kindern bei den ersten Schneeflocken.
Aber Regen ist in Ägypten kein Kinderspaß. Durch das marode Kanalsystem mit seinen verstopften Gullys überschwemmt es sofort alle Straßen. Unterführungen laufen ruckzuck voll. Zudem verwandelt sich der seit Monaten angesammelte Sand und Staub mit dem Wasser zu Schmierseife auf dem Belag. Auf den Straßen geht nichts mehr. Die Kolleginnen haben mir versichert, dass es mehr Schulfrei-Tage wegen Überschwemmung als wegen Hitze gibt.
Zumindest unser Wohnungsdach hat den heftigen Regenguss gut überstanden. Es scheint dicht zu sein und es regnet nirgends rein. Auch keine Selbstverständlichkeit!
17.10.2022
Auf zur Zeitreise
Wir genießen es, am Wochenende die kulturellen Highlights unserer Umgebung kennen zu lernen. Jetzt, wo das Wetter etwas abgekühlt hat, haben wir uns die Besichtigung der Pyramiden vorgenommen.
Klar, alle Welt kennt sie. Aber es ist doch noch einmal etwas anderes, direkt vor ihnen zu stehen. Das Hochplateau mit den drei großen Pyramiden, der Chephren-Pyramide, der Cheops-Pyramide und der Mykerinos-Pyramide sowie mehreren kleineren Pyramiden von Ehefrauen und königlichen Beamten ist wirklich beeindruckend.
Anschließend führt uns die Zeitreise zur Zitadelle, einem Teil der historischen Stadtbefestigung, die auch die Alabastermoschee beherbergt. Von der Zitadelle aus genießen wir den weiten Blick über Kairo und können sogar am Horizont die Pyramiden erkennen.
Unser nächstes Ziel ist die mittelalterliche Al-Mu’ez-Straße, die auf wenigen hundert Metern mit einer großen Dichte an prachtvollen und sehr gut restaurierten Moscheen, Türmen, Handelshäusern, Palästen und herrschaftlichen Wohnbauten aufwartet. Sie gewähren uns einen eindrucksvollen Blick in den Reichtum, aber auch die beeindruckende Architektur und Handwerkskunst dieser Epoche. Nicht umsonst zählt diese Straße bereits seit 1979 zum Weltkulturerbe.
Gleich daneben befindet sich der berühmte Bazar Khan Al-Khalili. Wir bummeln durch ein riesiges Labyrinth an unzähligen Gassen, Gängen, Ständen und Geschäften. Es ist eine faszinierende Mischung mit Waren aller Art, farbenfrohen Stoffläden, glitzernden Schmuck- und Goldgeschäften, mehr oder weniger geschmackvollen Touristensouvenirs, Antiquitätenhändlern, Teppichanbietern und Handwerkern, die in ihren Läden z. B. Intarsienarbeiten und Messinglampen herstellen. Darüber weht ein Hauch von Stadtmief, gemischt mit den Düften des Parfümmarkts und den Gerüchen von frischem Gewürz aller Art.
Kurzum: Der Basar ist laut, überfüllt, farbenfroh und aufregend.
Danach haben wir uns eine Pause in einem der zahlreichen Kaffeehäuser verdient.
Den Tag beschließen wir mit einem Besuch des Kairoer Opernhauses, wo wir Prokofjews „Romeo und Julia“ als Ballettaufführung genießen.
Für Überlandreisen in Ägypten bieten sich vor allem Busse an – seien es die Neunsitzer, deren Routen man an rudimentären Handzeichen oder lautstark gebrüllten Abkürzungen erkennt, seien es im Fernverkehr die Zwölfsitzer oder Reisebusse, wo man seinen Sitzplatz im Voraus online buchen kann.
In der Stadt gibt es eine wenige Kilometer lange Metro. Auch eine - sehr gemütlich - Zugverbindung führt von Kairo in den Süden. Fahrräder gibt es so gut wie keine, auch wenig Motorräder.
Hauptsächlich wird in Ägypten auf Straßen- und Individualverkehr gesetzt.
Für kürzere Strecken nehmen wir ein Uber-Taxi. Die Abwicklung der Bestellung, die Ermittlung des Tarifs und der anschließenden Bezahlung erfolgt über eine App. Superpraktisch, denn nach der Bestellung erhält man im Vorfeld die Autonummer des Fahrzeugs und kann seine Anfahrt digital verfolgen. Der Preis wird über die App standardisiert festgelegt, ganz ohne Verhandeln oder Ärger mit nicht funktionierendem Taxometer.
Manchmal ist aber auch der Fußweg die einfachste Lösung, z. B., als wir am Freitag-Nachmittag in der City mitten zur Hauptverkehrszeit vom Bazar zur Oper wollten: Der Stau war so dicht, dass jegliches Vorwärtskommen mit einem Auto absolut aussichtslos war. Kurzentschlossen gingen wir die sechs Kilometer zu Fuß, parallel zum lautstark hupenden Verkehrsgewühl, im unendlichen Strom von Fußgängern und Lastenkarren. Ägyptern würde so etwas natürlich nicht einfallen.
09.10.2022
Der Herbst ist da
Seit Wochen schwitzen wir hier Tag und Nacht. Jetzt ist es zwar immer noch heiß, aber die Temperaturen bewegen sich nicht mehr allzu viel über 30 Grad.
Im Sachunterricht steht das Thema Herbst auf dem Programm. Passend saß heute morgen eine Bachstelze auf dem Rasen der Schule. Erkenntnis: Herbst ist, wenn die Zugvögel in Ägypten ankommen.
08.10.2022
Heilix Blechle
Auch in Ägypten sind Autos mehr als nur schnödes Fortbewegungsmittel.
Besonders sind uns die doppelten Nummernschilder aufgefallen.
Klar, ein ägyptischen Auto braucht ein ägyptischen Nummernschild. Aber das Prestige wird offensichtlich deutlich aufgewertet, wenn es auf ein deutsches(!) Nummernschild aufgeschraubt wird, so dass der blaue Streifen mit D und EU gut erkennbar ist. Diese Schilder sind aber nur zum Teil aus Deutschland. Auch chinesische Fake-Produkte oder notfalls selbstgemalte Exemplare erfüllen den gleichen Zweck. Ein Hoch auf das deutsche Image!!
Geheimzeichen Scheibenwischer
Immer wieder fielen uns parkenden Autos auf, bei denen ein Scheibenwischer aufgeklappt über der Vorderscheibe ragte. Was das wohl zu bedeuten hatte? In der Tat ist es nicht zufällig, sondern enthält eine Botschaft: Der Autobesitzer hat einen Vertrag über regelmäßige Autowäsche abgeschlossen. Am Abend kommt der Autowäscher vorbei und reinigt den Wagen, der am Straßenrand abgestellt wurde. Der aufgerichtete Scheibenwischer ist dann das Zeichen, dass der Job erledigt wurde. Eine eindeutige Kommunikation ganz ohne Worte...
07.10.2022
Ausflug nach Alexandria
Am Wochenende haben wir einen Ausflug nach Alexandria gemacht. Die Stadt verdankt ihren Namen ihrem Gründer Alexander dem Großen. In der Antike beherbergte sie gleich zwei antike Weltwunder, die legendäre Bibliothek und den riesigen Pharos-Leuchtturm. Auch wenn beides Vergangenheit ist, gibt es noch viele Beispiele der großen Geschichte. Am meisten beindruckte uns die Mischung aus altägyptischer, hellenistischer, römischer und kolonialen Überresten. In einträchtiger Gemeinschaft finden sich Sphinx und Pompeius Säule nebeneinander, weisen unterirdische Grabanlagen gleichzeitig Motive von ägyptischer Gottheiten und römischen Skulpturen auf, stehen der Neubau der Bibliothek neben Prachtbauten aus der Kolonialzeit und auf den Resten des Leuchtturms wurde im 14. Jahrhundert eine Verteidigungsanlage gebaut, die noch heute den alten Hafen überragt.
Vor allem ist Alexandria quirlig und laut. Ein besonders lebhafter Ort ist die Corniche, die lange Uferstraße. Hier pulst der Verkehr, es wird wild gehupt, Minibusfahrer schreien ihre Fahrtziele, Pferdekutschen bimmeln, uralte Straßenbahnen quietschen, Muezzine singen ausdauernd religiöse Botschaften per Lautsprecher von den Minaretten. Davon unbeeindruckt treffen sich die Menschen entspannt auf der kilometerlangen Ufermauer, einige tummeln sich im Wasser oder sitzen auf dem schmalen Sandstrand. In einfachen Strandcafes gibt es Tee und Kaffee, ebenso wie bei den Straßenhändlern, die auch Snacks wie Chips und Kekse, geröstete Maiskolben oder Eis anbieten. Jugendliche laufen Inliner. Es riecht nach Meer und Algen. Eine frische Brise lässt uns die Temperaturen angenehm hochsommerlich empfinden.
Ob Bibliothek oder Leuchtturm, ob hellenistische Überreste oder römisches Theater – Alexandria hat zweifellos eine große Geschichte.
Ob es auch noch eine Zukunft hat, ist zumindest für einige Stadtviertel in Ufernähe sehr ungewiss.
Der Anstieg des Meeresspiegels hat bereits die ersten Gebäude zum Einsturz gebracht. Vier bis acht Millionen Bewohner*innen – je nach Ausmaß der Erderwärmung – werden in absehbarer Zeit ihr Zuhause im Nildelta verlieren.
https://www.tagesschau.de/ausland/afrika/alexandria-105.html
03.10.2022
Eine Woche voller Feiertage
Foto: Süßigkeiten für das Mawlid al-Nabi- Fest
Diese Woche reihen sie die Feiertage aneinander.
Heute ist Tag der Deutschen Einheit. An der Schule wird der deutsche Nationalfeiertag natürlich in Ehren gehalten und es gibt schulfrei.
Der nächste freie Tag ist am Donnerstag. Hier wird der Tag der ägyptischen Streitkräfte begangen. Mit diesem Nationalfeiertag wird an den Sieg der ägyptischen Armee über Israel im Yom Kippur Krieg erinnert. Es wird Paraden und Vorführungen der Luftstreitkräfte geben.
Das Militär ist eine einflussreiche gesellschaftliche Macht und reicht in alle Bereiche der Gesellschaft hinein. Neben der massiven politischen Einflussnahme ist es auch eine Wirtschaftsmacht, die unterschiedlichste Unternehmen betreibt, z.B. im Bereich der Bauindustrie, Erdölförderung, Landwirtschaft, des Tourismus und der Konsumgüter.
Der dritte Feiertag in dieser Woche wird dann am Samstag, beginnend mit der 12. Nacht des dritten Monats im islamischen Mondkalender, gefeiert. Anlässlich des Geburtstags des Propheten Muhammed, dem Mawlid al-Nabi, trifft sich die Familie, öffentliche Plätze werden geschmückt, Gebete und Umzüge der religiösen Sufi-Gemeinschaft finden statt, Zelte für Sufi-Gesänge werden errichtet und - ganz wichtig - die leckeren, traditionellen Mawlid-Süßigkeiten werden verschenkt. Sie bestehen aus sehr viel intensiv aromatisiertem Zucker, in den verschiedene Arten von karamellisierten Nüssen eingebettet sind. Eine weitere traditionelle Süßigkeit, die speziell für Mawlid al-Nabi in Ägypten kreiert wird, ist die Zuckerpuppe und der Zucker „Sultan auf einem Pferd“. Wir freuen uns schon auf die Köstlichkeiten.
Wir nehmen das lange Wochenende zum Anlass, um nach Alexandra zu reisen und uns dort umzusehen. Wir sind gespannt, was wir in dieser geschichtsträchtigen Stadt voller Kultur erleben werden.
23.09.2022
Zu Hause in Ägypten…
…so lautet der Slogan der deutschen evangelischen Gemeinde in Kairo. Bereits seit 1864 gibt es eine Kirchengemeinde, die Gottesdienst, Musik, Kultur und Seelsorge in deutscher Sprache anbietet. Neben dem Gemeindeleben, das Raum für Begegnung und Austausch bietet, übernimmt sie zugleich Verantwortung für die Bildungsarbeit und soziale Projekte in Ägypten. Dazu gehört auch eine große, traditionsreiche und renommierte deutsche Schule mit über 1200 Schüler*innen.
Die Kirche steht inmitten einem Meer von Häusern in der wuseligen Stadtmitte, nicht allzu weit vom zentralen Tahrirplatz entfernt. Seit kurzem gibt es einen neuen Pfarrer, der nun von einem Oberkirchenrat im Auftrag der EKD offiziell in die Deutschsprachige Evangelische Gemeinde in Kairo und ganz Ägypten eingeführt wurde.
Wir haben den Einführungsgottesdienst besucht. Zur festlichen Gestaltung trugen neben einem kleinen und feinen Kirchenchor auch ein Kinderchor bei. Die meisten Besucher*innen kamen aus dem Umfeld der evangelischen Schule und so waren - wie könnte es anders sein - überproportional viele Lehrkräfte versammelt. Aber auch der deutsche katholische Bischof und eine Abordnung der Kongregation der Borromäerinnen aus Alexandria nahmen am Gottesdienst teil.
Nach dem Gottesdienst gab es einen Empfang mit angeregten (Schul-)Gesprächen und freundlichen neuen Kontakten.
Im Oktober veranstaltet die Gemeinde eine Wochenendfreizeit für Neuzugezogene, zu der wir uns angemeldet haben.
21.09.2022
Bunter Start ins Schulleben
Liebevoll gestaltete Schultüten, farbenfrohe Ranzen, gespannte Blicke, fühlbare Aufregung und Vorfreude – so saßen 50 Erstklässler*innen mit ihren Familien bei der Einschulungsfeier.
Der Schulleiter begrüßte die Anwesenden auf das Herzlichste und übermittelte gute Ratschläge und hilfreiche Informationen an die Neuen. Danach sorgten die Klassen 2b, 2c, 3 a und 3c für ein buntes Programm mit fröhlichen Liedern und schwungvollen Tänzen.
Anschließend zogen die frischgebackenen Erstklässler*innen mit ihren Schultüten klassenweise ins Gebäude ein, wo die erste Schulstunde begann.
So weit unterscheidet sich diese Einschulungsfeier nicht von einer Feier in Deutschland.
Fast meint man, mitten in Deutschland zu sein, wären da nicht die ägyptischen Kinder und ihre arabisch sprechenden Eltern. Selbstredend, dass die Schultüten und deutschen Scout-Ranzen nicht ägyptischer Standard sind. Alle Schulanfänger*innen sind hier schon drei Jahre in den schuleigenen deutschsprachigen Kindergarten gegangen, der im gleichen Gebäude wie die Schule untergebracht ist. Sie haben im Vorschuljahr bereits täglich schulähnlichen Unterricht besucht, der schwerpunktmäßig auf Sprachtraining abzielt.
Und was besonders schön ist: Die Schüler*innen der Oberstufe unterstützen beim Aufbau und sorgen für einen reibungslosen Ablauf der Einschulungsfeier. So wird deutlich, dass sich die ganze Schulgemeinschaft über die Neuen freut und ihnen eine erfolgreiche Schulzeit wünscht.
20.09.2022
Trinkwasser
Den Wasserhahn aufdrehen und einfach davon trinken? In Ägypten ist das nicht zu empfehlen. Der Zugang zu sauberem Wasser ist für einen großen Teil der Bevölkerung nicht gewährleistet. Hauptsächlich speist sich das Leitungswasser aus aufbereitetem Nilwasser, ein weiterer Teil kommt aus Meerwasserentsalzungsanlagen. Das lebensspendende Nass ist für das Land eine knappe Ressource.
Gesundheitlich unbedenklich ist nur in Flaschen abgefülltes Wasser. Vier große Konzerne teilen den Wassermarkt für Flaschenwasser unter sich auf: Danone, Nestlé, Coca Cola und Pepsi Cola. Außerdem mischt das Militär mit, das nicht nur die Bevölkerung unterdrückt, sondern auch der größte wirtschaftliche Akteur in Ägypten ist, der z. B. Lebensmittel produziert und Straßen, Häuser, Moscheen oder Fußballstadien baut.
Selbst das Abkochen des Wassers garantiert keine gute Wasserqualität, denn Keimfreiheit bedeutet immer noch durch Chemikalien belastetes Wasser. Deshalb haben wir uns schweren Herzens entschlossen, Trinkwasser in Flaschen zu kaufen. Um nicht auf Einwegflaschen zurückzugreifen, haben wir uns für die 18-Liter-Kolben entschlossen, die zumindest zurückgegeben und recycelt werden können.
Heute war wieder eine neue Lieferung fällig. Der nächste Supermarkt bietet Hauslieferung an – vorausgesetzt, dass es einen englischsprachigen Verkäufer gibt, der unsere Adresse entgegennimmt. Am besten ist, gleich auch die Telefonnummer zu hinterlassen, denn die Hausnummerierung ist nicht eindeutig und eine Wohnungsklingel gibt es nicht. Wenn uns der Lieferant anruft, verstehen wir zwar kein Wort, aber zumindest wissen wir, dass er unterwegs ist. Nun gilt es nur noch, im Hof nach ihm Ausschau zu halten. Zum Glück hat es bislang am Ende immer irgendwie geklappt.
Damit geht es uns auf jeden Fall deutlich besser als einem großen Teil der Bevölkerung. Die wertvolle Ressource Wasser ist im Land höchst ungleich verteilt ist. Etwa 56 Prozent aller Dörfer erhielten zu wenig Wasser, heißt es. Sechs Prozent verfügen über gar kein Trinkwasser. Besonders problematisch ist es im Sommer, wenn die Nachfrage nach Wasser steigt. Dann werden große Mengen Wasser in die Feriengebiete an den Küstenorten umgeleitet, während für die Bevölkerung im Hinterland massiver Mangel herrscht.
Die Klärung von Abwässern ist in Ägypten ebenfalls ein großes Problem. Im Nil landen jedes Jahr rund 20 Millionen Tonnen organische und industrielle Abfälle. Die Regierung plant deshalb, bis zum Jahr 2037 circa 50 Mrd. US$ in den Wassersektor zu investieren. Schwerpunkte sollen die Abwasserbehandlung sowie Wiederverwertung von Abwasser, der Ausbau der Kanalisation, landwirtschaftliche Bewässerung, Anlagen zur Wasserentsalzung oder der Bau kleiner Dämme zur Sammlung von Regenwasser sein.
18.09.2022
Erster Schultag
Es ist 7.40 Uhr und Schüler*innen und Lehrkräfte streben auf den Schulhof. Alle stellen sich klassenweise, ordentlich in einer Reihe hintereinander, auf. Der Schultag beginnt mit einem lautstark gebrüllten Bekenntnis zum Vaterland im Angesicht der ägyptischen Fahne und anschließend wird die Nationalhymne gemeinsam gesungen. Danach geht es unter den Klängen von Popmusik in Reih und Glied ins Klassenzimmer.
Anette unterrichtet siebzehn muntere Zweitklässler*innen. Sie alle sprechen jetzt - nach fast drei Monaten Sommerferien - zum ersten Mal wieder Deutsch, ihre Familiensprache ist arabisch. Es läuft am ersten Tag noch ein bisschen holprig, aber alle geben sich viel Mühe. Sie können auf ein beachtliches Sprachwissen zurückgreifen, da sie schon im deutschsprachigen Kindergarten waren.
Der Unterricht folgt dem thüringischen Bildungsplan in allen Fächern, die auch auf Deutsch unterrichtet werden. Außerdem gibt es zusätzliche Deutschstunden, insgesamt macht das Fach Deutsch 14 Stunden pro Woche aus. Ebenso stehen fünf Stunden Arabisch-Unterricht auf dem Stundenplan. Der Unterrichtstag endet um 14.30 Uhr. Danach haben viele Kinder noch einen langen Heimweg mit dem schuleigenen Bus oder dem Elterntaxi. Die Schule hat ein großes Einzugsgebiet.
Warum ägyptische Kinder eine deutsche Schule besuchen, mag sich jetzt der eine oder andere von euch fragen. Tatsächlich sehen viele Eltern darin eine Möglichkeit, die Chancen für ihr Kind zu verbessern. Über die Hälfte der Bevölkerung ist jünger als 24 Jahre; in Schul- und Berufsausbildung befinden sich derzeit über 18 Millionen Menschen. Jedes Jahr kommen schätzungsweise 600.000 Ägypter neu auf den Arbeitsmarkt in einer Volkswirtschaft, die kaum expandiert. Da können zusätzliche Qualifikationen nur von Vorteil sein, um einen der raren Jobs zu ergattern.
Deshalb tendieren vermögende Eltern zu Privatschulen. Hier gibt es kleinere Klassen im Vergleich zum staatlichen System, wo sich bis zu fünfzig Kinder in einem Klassenzimmer drängen. Der Unterricht wird als qualitativ besser angesehen. Auch die Ausstattung ist in der Regel höherwertig. Außerdem berechtigt das an dieser Schule abgelegte Abitur die Absolvent*innen zum Studium in Deutschland, gleichgestellt mit deutschen Abiturient*innen.
Aber zuerst einmal sind es ganz normale Zweitklässler*innen, die von ihren Ferien erzählen, ihre Freund*innen wieder treffen, miteinander lernen und lachen und sich freuen, dass am Ende des langen Schultags noch Zeit für gemeinsame Spiele ist.
16.09.2022
Lecker!
Nach all den vielen schwer verdaulichen Lesetexten kommt nun ein genussreicher Blick auf frisch gebackene süßen Leckereien unseres Lieblingsbäckers. Die Backwaren kommen zum Abkühlen auf die Straße und warten dort auf Kundschaft. Leider können wir euch nur optisch verwöhnen, aber wir versichern euch, dass alles so lecker schmeckt wie es aussieht…
16.09.2022
Jedes Haus eine Elbphilharmonie
Überall begegnen uns jede Menge neuer Wohnblocks und Bürogebäude. Allen ist gemeinsam, dass lediglich wenige Wohnungen oder Stockwerke bewohnt sind, während es sich links und rechts, drüber oder drunter, nur um blanken Rohbau handelt. In keinem anderen Land haben wir so viele Geisterhäuser gesehen!
Tatsächlich ist diese Entwicklung das Ergebnis einer staatlich gewollten riesigen Bauwelle. Insgesamt soll der Anteil der besiedelten Fläche von gegenwärtig rund 6 Prozent bis 2050 auf 14 Prozent steigen, um Wohnraum für die schnell wachsende Bevölkerung zu schaffen.
Dabei expandiert die Stadt in die Wüste, wo zahlreiche neue Städte wie Sheikh Zayed City, unser Domizil, in den letzten 20 Jahren entstanden sind und weiterhin entstehen. Die Wohnungen in sämtlichen neuen Städten verkaufen sich zwar gut, jedoch ziehen nur wenige Käufer tatsächlich dort ein. Oft handelt es sich um Geldanlagen und Spekulationsobjekte, die leer bleiben, weil sie nur in unvermietetem Zustand weiter verkauft werden können. Manchmal geht dem Bauherrn das Geld aus, manchmal wird die Wohnung für die Kinder gekauft, die sie dann später nach ihrem Geschmack ausbauen können. So kann es viele Jahre dauern, bis ein Gebäude voll belegt ist. Gleichzeitig füttern immer mehr Menschen aus der Mittel- und Oberschicht die völlig außer Kontrolle geratenen Bauwirtschaft mit Geldmitteln - und binden damit Ressourcen und Rohstoffe, die Staat und Privatwirtschaft anderswo besser einsetzen könnten.
Die Leerstandsraten in den Satellitenstädten liegen zwischen sechzig und achtzig Prozent.
Somit ist die Lage auf dem ägyptischen Wohnungsmarkt in vielerlei Hinsicht paradox. Selbst offizielle Statistiken gehen von 12 bis 15 Millionen Ägyptern ohne angemessene Wohnung aus, hinzu kommen die zwei Millionen Menschen, die auf Friedhöfen leben. Staatlich finanzierte Sozialwohnungen sind die Ausnahme und werden in der Regel unter der Hand an Regierungsangestellte vergeben.
Ein besonderes Prestigeobjekt ist der seit 2016 im Bau befindliche Megavorort New Cairo, wo eine neue Hauptstadt aus dem Sand gestampft wird. Auf einer Fläche von rund 40.000 Hektar wird ein komplettes Regierungsviertel für 35 Ministerien, Regierungspalast, neuem Flughafen, dem höchsten Wolkenkratzer Afrikas und zahlreichen weiteren Objekten mit „Wow-Effekt“ entstehen, dazu sollen 25.000 Wohnungen für 6,5 Millionen Menschen gebaut werden. Für die Kosten werden 58 Mrd. Dollar veranschlagt. Für die Finanzierung dieses Baubooms begibt sich die ägyptische Regierung immer mehr in die Abhängigkeit von China, Russland und den reichen Nachbarölstaaten. Doch für Protestaktionen und Demonstrierende ist das Regime in New Cairo nicht mehr zu erreichen: Mit schnell abzuriegelnden Zufahrtsstraßen kann sich das neue Machtzentrum präventiv einmauern.
15.09.2022
Damit könnte man auch keine Pyramiden errichten!
Ägypten hat, wie jeder weiß, eine phantastische Geschichte als das Land der Baumeister. Welch eine kolossale Leistung an Präzision und Sorgfalt, um so akkurat Baustein auf Baustein zu setzen, damit am Ende eine Pyramide entsteht!
Leider ist einiges dieser Fähigkeiten im Laufe der Zeit verloren gegangen. Das fordert immer mal wieder unsere Gelassenheit heraus. Wir üben uns in Geduld, aber manchmal nervt es uns doch (noch). Dazu gehören die zahlreichen halbfertigen Baumaßnahmen, z. B. ähneln Gehwege mit offenen Kanalschächten und ausgebrochener Pflasterung einem kontinuierlichen Hindernislauf, das Straßenbild wird durch die überall präsenten Plastiktüten und Plastik-Wasserflaschen ökologisch höchst problematisch bereichert und in unserer Wohnung sorgen die mit Zement- und Farbspuren verzierten hochwertigen Marmorböden und Türen für ein Schmuddelimage. Oder dass der tolle, großzügige Swimmingpool, der zu unserer Wohnanlage gehört, ohne Wasser, dafür gefüllt mit Bauschutt, vor sich hinrottet.
Wir haben uns schon an manches gewöhnt. Auch mit dem täglichen Stromausfall, der mal eine halbe Stunde und mal drei Stunden dauert, haben wir uns arrangiert.
Wenn es uns dann doch mal wieder ärgert, dann entfährt uns inzwischen unsere geflügelte Redewendung: „Damit könnte man auch keine Pyramiden errichten!“ und wir können mit Seufzer oder Schmunzeln - je nach Anlass - die Situation ertragen.
14.09.2022
Wir kommen an
Blick von unserer Dachterrasse auf die Wüste
Langsam werden wir sesshaft. Inzwischen haben wir die Ferienwohnung gegen eine ständige Bleibe getauscht. Mit Hilfe einer kompetenten Immobilienmaklerin konnten wir eine kleine Dachgeschosswohnung im vierten Stock einer schulnahen Wohnungsanlage finden. Unser neues Zuhause ist 40 qm groß, voll möbliert, inklusiv Bettwäsche und Knoblauchpresse. Begeistert sind wir von der dazugehörigen großzügigen (60 qm) Dachterrasse, die einen weiten Ausblick bis zur Wüste bietet.
Ihr ahnt schon, dass es sich eher um eine noble Wohngegend handelt, inclusive wohlgepflegtem öffentlichen Grün. Das war nicht unser Ziel, aber da die Deutsche Schule Beverly Hills ihren Standort nun mal hier in Sheikh Zahyed City und nicht in einem Slumgebiet hat und die Fußläufigkeit zur Schule ein wichtiges Kriterium war, gab es keine Alternativen.
Sheikh Zayed City ist ein Wohnviertel, das vor ca. 25 Jahren aus dem Boden gestampft wurde. Es liegt 20 km außerhalb des historischen Kairoer Stadtzentrums an der Wüstenstraße nach Alexandria. Wie bei vielen neueren Wohngebieten sind die einzelnen Viertel „gated communities“, nur über eine Zufahrtsstraße erreichbar, deren Einfahrt am Schlagbaum von Sicherheitspersonal kontrolliert wird. Auch innerhalb des Viertels gibt es Wachleute, die in ihren Stützpunkten sitzen und ein Auge auf das Geschehen haben.
In unserem Viertel wohnt vor allem die gehobene Mittelschicht in Mehrfamilienhäusern. Z. B. ist unser Nachbar Atef ein pensionierter Brigadegeneral und die nette junge Dame von nebenan arbeitet bei der saudi-arabischen Botschaft.
Bis zur nächsten Einkaufszeile sind es nur wenige Minuten Fußweg. Dort finden wir alles, was man für das alltägliche Leben so braucht – vom Bäcker über den Supermarkt bis zur Schreibwarenhandlung ist alles vorhanden. Dazwischen gibt es einige Restaurants, Cafés und Garküchen mit einheimischen Speisen. Was man vergeblich sucht, ist ein Zentrum, ein Mittelpunkt, wo sich zwanglose Begegnungen ergeben. Dafür kann man einen “Club“ besuchen, der für die zahlenden Mitglieder mit Sportangeboten wie Tennisplatz, Swimmingpool und Fußballfeld aufwartet. Bei Gelegenheit werden hier mal unsere Fühler ausstrecken…
12.09.2022
Von der Kraft der Worte
Der Islam ist eine Religion, die damit anfängt, dass Mohammed die Aufforderung erhielt: „Schreib!“ Das Diktat des Erzengel Gabriel machte Mohammed zum Propheten.
Keine heilige Lebensführung, keine guten Taten oder kein persönliches Vorbild zeichnet den Beginn dieser Religion aus.
Der Koran ist eine Glaubensoffenbarung, die in Worte auf Papier festgehalten wurde. Kein Wunder, dass uns deshalb überall kunstvoll verzierte Worte und kluge Sprüche begegnen.
10.09.2022
Das Geheimnis der schwarzen Tüten
Einkaufen ohne eine Plastiktüte? Unvorstellbar für ägyptische Verhältnisse. Den einen oder anderen Händler konnten wir zwischenzeitlich dazu bewegen, unsere mitgebrachten Tüten zu verwenden. Unser Bäcker allerdings akzeptiert nur seine eigenen Tüten, schließlich sei da ja sein Logo drauf, was Werbung bedeute.
Besonders wichtig sind allerdings die undurchsichtigen schwarzen Plastiktüten. Ihren Inhalt dürfte es eigentlich im islamischen Staat nicht geben: Alkohol! Strenggläubigen Muslimen gilt Alkohol als „haram“ und ist deshalb verboten. Andererseits wird in Ägypten seit 3000 Jahren Bier gebraut, bis heute. Die Marken wie Luxor und Sakara verweisen auf die große ägyptische Geschichte und schmecken – nebst Stella und Meister - ganz passabel.
In den Wohngebieten der westlich orientierten Oberschicht und in Touristenorten wie in Hurgada und Sharm el Sheikh sieht man zwar ganz selten Restaurants mit einer Alkohollizenz, aber es gibt „bottle shops“ mit der Lizenz zum Alkoholverkauf. Doch auch das spielt sich im Verborgenen ab, eben stets verpackt in schwarzen Plastiktüten, und somit zum schnell durchschaubaren, offenen Geheimnis.
08.09.2022
Wie viele Kamele hast du für sie bezahlt?
Horst wollte ein T- Shirt kaufen. Ein passendes Geschäft war schnell gefunden. Der Verkäufer mit dem stolzen Namen "Tiger" pries seine Ware wortreich an und so war schnell das Passende gefunden. Nun begann der eigentliche Verkauf, das Feilschen um den Preis. Schließlich waren wir nicht im Supermarkt, wo es feste Preise gibt, sondern auf dem Bazar. Ein lebhaftes Hin und Her entspann sich, bei dem der Verkäufer sämtliche Weltuntergangsszenarien und den totalen Ruin ins Feld führte. Hier hieß es, unbeeindruckt zu bleiben. Am Ende hatte Anette einen günstigen Preis ausgehandelt und man wurde handelseinig. Anerkennend meinte der Verkäufer zu Horst: "Du kannst dich glücklich schätzen, du hast eine gute Frau! Wie viele Kamele hast du für sie bezahlt?"
Was hier von einem Augenzwinkern begleitet wird, spricht eine schwierige Realität an: In Ägypten, wie in allen orientalischen Ländern, gibt es keine Hochzeit ohne Brautpreis. Das stellt viele junge Männer vor große wirtschaftliche Probleme. Nicht umsonst liegt das durchschnittliche Heiratsalter bei ihnen in Ägypten mit 32 Jahren sehr hoch.
Auch wenn der Brautpreis heute nicht mehr in Kamelen entrichtet wird, so ist er in allen gesellschaftlichen Gruppen üblich. Für die Oberschicht gilt, dass der Mann für die Wohnung und deren Einrichtung aufzukommen hat.
Selbst im Kollegium wird offen angesprochen, dass junge Europäerinnen besonders begehrt seien, weil für sie kein Brautpreis zu entrichten ist.
Horst dagegen ist sich aber sicher, dass für ihn andere Kriterien für eine geglückte Beziehung zählen...
07.09.2022
Sharm el Sheikh
Die zweite Station unseres Sinai-Urlaubs führte uns in die Südspitze nach Sharm el Sheikh. Die Stadt hat sich mit seiner artenreichen Unterwasserwelt und den faszinierenden Korallenriffen einen wohlklingenden Namen gemacht. Ungefähr 350 Fisch- und Korallenarten leben im Roten Meer, allerdings bereits stark bedroht in Folge des Tourismus.
Sharm el Sheikh wartet auch mit lokaler Kultur auf, z. B. dem Alten Markt, wo man neben den unvermeidlichen Touristensouvenirs z.B. auch schönes Kunsthandwerk, regionale Tees und Kräuter erwerben und Handwebern auf ihren archaischen Webstühlen bei der Arbeit zusehen kann. Gleich daneben zieht eine beeindruckende Moschee den Blick auf sich.
Allerdings kommt der Tourismus nach den Coronajahren erst langsam wieder zurück. Viele Hotels sind kaum belegt, im Bau befindliche neue Ferienanlagen sind eingestellt und auch die üblichen Attraktionen sind noch ziemlich wenig frequentiert.
Lediglich die russischen Touristen sind in großer Zahl anzutreffen. Für sie heißt es in Zukunft wohl immer häufiger statt Mittelmeer nun Rotes Meer und statt Europa steht Ägypten auf dem Programm. Deutlich erkennbar hat man bereits begonnen, sich auf sie einzustellen.
Derzeit hübscht sich Sharm el Sheikh ganz besonders auf, um sich auf die im November stattfindende Weltumweltkonferenz vorzubereiten. Sieben Millionen US-$ hat die Stadt erhalten, um nachhaltigen Tourismus auf den Weg zu bringen. Der Umstieg auf Solarenergie, nachhaltige Mobilität, Verzicht auf Einwegplastik, Verbesserung des Müllmanagement und Schutz der Biodiversität sind geplant. Deshalb wird gerade die Straßenbeleuchtung auf Solarbetrieb umgestellt. In der Nähe des Flughafens wurden parallel zur neuen sechsspurigen Straße sogar Fahrradstreifen markiert und pikfeine Gehwege angelegt. Ob das von den aus aller Welt anreisenden Teilnehmenden in Anspruch genommen werden wird? Wohl eher eine Symbolaktion…
04.09.2022
Auf touristischen Pfaden unterwegs
Ägypten bietet zahlreiche touristische Highlights an.
Unsere Wahl fiel auf die Sinai-Halbinsel, wo eine karge, steinige Berglandschaft kontrastreich auf eine bunte Unterwasserlandschaft trifft. Dort befindet sich das bekannte Sharm el Sheikh und das kleinere Städtchen Dahab, das wir als Ausgangspunkt wählten.
Es ist sehr warm, schon beim Frühstück tropft der Schweiß. Da freuen wir uns auf einen Tagesausflug zum Blauen Loch, nach Abu Galum und zur Blauen Lagune. Beim Blauen Loch statten wir uns mit Schnorchelequipment aus, steigen ins Wasser und können direkt vom Ufer aus entlang einem steil abfallenden Riff in die faszinierende Farbigkeit von Fischen und Korallen eintauchen. In Abu Galum erwartet uns ein weiteres Riff, nicht ganz so groß und nicht ganz so spektakulär, aber mit ebenso klarem Wasser, das uns eine sehr gute Sicht in die Tiefe erlaubt.
Ein Wermutstropfen: Die Korallen zeigen überall deutliche Spuren menschengemachter Schäden. Hier würden wir uns dringend wünschen, dass die einheimischen Touristenführer nicht nur Eintrittskarten verkaufen, sondern unbedingt mehr informieren und auf den Schutz dieser fragilen Welt hinweisen. Oder ist der Glaube, dass durch Aufklärung der Verlust dieser paradiesischen Schönheit aufzuhalten sei, mal wieder typisch Lehrer*in?
Zum Abschluss schauen wir in der Blauen Lagune dem Treiben der Kite-Surfer zu, während wir uns abwechselnd im warmen Wasser entspannen oder in einer schattigen Strandhütte nach Beduinenart auf Kissen lagernd einen arabischen Kaffee zu uns nehmen.
03.09.2022
Dahab
(C) Silvia Provolija/pixelio.de
Unser erstes Ziel auf der Sinai-Halbinsel ist Dahab, ursprünglich ein kleines Fischerdorf. Wegen seiner Riffe in Küstennähe wurde es bereits vor Jahrzehnten von Backpackern und Hippies entdeckt. Bis heute ist dieser Charme noch an vielen Stellen zu spüren. Die Restaurants, die kleinen Läden und die familiär geführten Hotels, die sich an der holprigen Uferpromenade entlang reihen, sind immer noch recht einfach und große Touristenketten sucht man vergebens. Trotzdem geben sich Gäste aus der ganzen Welt ein Stelldichein, um hier zu tauchen, zu schnorcheln und sich zu entspannen. Dahab ist auch ein gelebtes Beispiel für das Spektrum an Unterschiedlichkeit, die es auszuhalten gilt: So findet man Vollverschleierung, Burkinis, dezente Badeanzüge und knappste Tanga-Bikinis am selben Strand einander vereint.
Unser persönliches Highlight neben den faszinierenden Eindrücken beim Schnorcheln waren die vielen Restaurants direkt am Wasser, die mit leckerem, fangfrisch zubereitetem Fisch und Meeresfrüchten aufwarteten.
05.09.2022
Im Sinaigebirge
Die Bergwelt der Sinai-Halbinsel beeindruckt durch eine Vielzahl von Gesteinsformationen – mal zerklüftet und kantig, mal abgerundet und ausgewaschen. Unterschiedliche Schichten in allen Farbtönen von grau, braun und rot wechseln sich innerhalb eines Hügels ab. Die verschiedene Härte der Gesteinsarten und die damit verbundene Erosion sorgen für eine bizarre Schönheit und Formenvielfalt. Dass hier Leben möglich sein soll, ist fast nicht zu glauben. Und doch leben hier Beduinen. Von der Regierung werden sie zwar in geringem Umfang finanziell unterstützt, aber ansonsten politisch ignoriert und an den Rand gedrängt. Auch von dem boomenden Tourismus in der Region Sharm el Scheikh profitieren sie wenig, sehen in der damit einhergehenden moralischen Freizügigkeit eher eine Provokation. Mehrere Attentate mit zahlreichen Toten und Verletzten werden darauf zurückgeführt, dass sich der IS diese Unzufriedenheit zunutze gemacht hat.
Immer wieder wird gemunkelt, dass Saudi-Arabien die Sinai-Region abkaufen wolle. Entsprechende Zahlungen seien in der Vergangenheit zur Rettung des angespannten ägyptischen Staatshaushaltes schon geflossen und eine Verbindungsbrücke zwischen den beiden Ländern sei schon in Planung.
05.09.2022
Auf den Spuren von Mose
Viele Jahre haben wir im Religionsunterricht die Geschichte von den Israeliten erzählt, die als Sklaven in Ägypten lebten, bevor sie unter ihrem Führer Mose in die Freiheit aufbrachen und nach einer spektakulären Rettungsaktion durch das Meer lange vierzig Jahre im Sinaigebiet umherzogen. Jetzt, wo wir mehrere Stunden durch diese zwar bizarr-schöne, aber lebensfeindliche Landschaft gefahren sind, verstehen wir umso besser die Erschöpfung und die Enttäuschung der Israeliten. Sie wollten einen Gott, der ihnen gleich die Fleischtöpfe Ägyptens ermöglichte und nicht irgend ein fernes Land, in dem Milch und Honig fließen würden. Ein Höhepunkt dieser Auseinandersetzung soll sich in der Mitte der Sinai-Halbinsel ereignet haben. Während Mose auf dem Berg weilte, um die Gesetzestafeln der 10 Gebote zu erhalten, die das Zusammenleben in Freiheit regeln sollte, tanzte das Volk um das goldene Kalb.
Der Ort dieses Geschehens soll der Mosesberg sein, der ca. 80 Kilometer landeinwärts liegt und mit 2285 m der höchste Punkt des Sinaigebirges ist. Ihn zu besteigen war natürlich ein Muss für uns. Dazu schlossen wir uns einer Touristengruppe an. Um die Hitze des Tages zu meiden, startete die Wanderung um Mitternacht. Zweieinhalb Stunden ging es auf breiten Wegen und Steinstufen in Serpentinen dem Gipfel entgegen. Immer wieder gab es Pausen an kleinen Kiosken, die Erfrischungen anboten. Oben angekommen, erwartete uns ein Sternenhimmel. Gegen fünf Uhr setzte die Morgendämmerung ein und enthüllte mit der aufgehenden Sonne den Blick auf die beeindruckende Umgebung. Ein wahrhaft erhebender Anblick!
Am Ende des Abstiegs legten wir am Fuß des Moseberges einen Stopp ein. Dort befindet sich das Katharinenkloster. Seit dem 6. Jahrhundert ist es ein Ort des Glaubens. Der Blick in die heute griechisch-orthodoxe Kirche lässt uns etwas von der Jahrhunderte alten Spiritualität und Magie, die hier inne wohnt, erahnen.
30.08.2022
Schön wie Nofretete & Kleopatra
Büste der Nofretete, Foto: © Philip Pikart, Neues Museum Berlin
Zahlreiche altägyptische Kunstwerke, Abbildungen, Statuen und Skulpturen zeigen, dass es hier schon seit Jahrtausenden ein ausgeprägtes Gespür für Ästhetik gibt. Kleopatras Schönheit gilt als legendär. Sie verdankte ihr blendendes Aussehen nicht zuletzt dem täglichen Bad in Eselsmilch und Honig. Wer heutzutage als Schönheit gelten will, greift in Ägypten allerdings zu anderen Mitteln. Fast an jeder Hausecke gibt es Beauty- und Wellness-Kliniken. Ihr Besuch scheint so selbstverständlich zu sein wie bei uns der Gang zum Friseur. Viele Frauen finden sich nur mit großen Lippen und einer faltenlosen Augenpartie schön. Überall, ob im Kollegium, auf den Ämtern, im Straßenbild fällt uns - deutlich erkennbar - ins Auge, dass der Natur mit Botox und Schönheits-OPs nachgeholfen wurde, quer durch alle Altersgruppen. Übrigens sollen auch zahlreiche Männer bereits zur Kundschaft zählen….
30.08.2022
Erste Worte auf Arabisch
Während Anette in der Schule ist, kümmert sich Horst um den Haushalt. Dazu gehört auch das Einkaufen. Leider sind unsere Arabischkenntnisse sehr, sehr begrenzt. Es ist keine einfache Sprache. Aber inzwischen können wir schon ganz gut die Zahlen lesen und verstehen. Der Rest geht mit Hände und Gesten, teilweise verstehen die Händler auch Englisch. Beim letzten Besuch im Supermarkt um die Ecke wollte Horst eine Flasche Geschirrspülmittel besorgen. Als er in den weitläufigen Regalen nichts finden konnte, wandte er sich an den freundlichen Verkäufer, der ihn zu Spülmaschinentabs führte. Nein, das war nicht das Gesuchte! Nach langem Nachdenken fragte der Verkäufer: "Pril?" und freute sich, als Horst zufrieden zustimmte. Arabisch scheint doch nicht so schwer zu sein.....
Tatsächlich gibt es hier unzählige Marken, die uns aus Deutschland vertraut sind. Beim nächsten Einkauf werden wir es im Zweifelsfall einfach mit Persil, Nutella, Toblerone oder Blendamed probieren.
29.08.2022
Inshallah
Inshallah, „So Gott will“….. ist eine Lebenseinstellung, die wir uns schnell zu eigen machen sollten, denn nicht alles funktioniert, nicht alles klappt wie geplant, nicht alles läuft reibungslos.
Wir können schon einen Sack voll Erlebnisse nennen, bei denen es uns eiskalt erwischt hat. Dabei sollten wir von unseren Indonesienjahren vorbereitet sein! So z. B. fiel die Wasserversorgung in unserem Wohnblock unvorbereitet einen Tag lang aus - deshalb steht ab sofort ein Eimer gefüllt mit Wasser im Bad. Selbstredend, dass wir jetzt auch Kerzen und Streichhölzer besorgt haben. Der Termin mit dem WLan-Techniker und die Lieferung der Gasflasche für die Küche fällt ebenso in diese Kategorie. Richtig ärgerlich war der Besuch im Amt für Visaangelegenheiten am anderen Ende der Stadt, der wegen Strom- und Serverproblemen ebenso erfolglos blieb. Vielleicht – inshallah – am Mittwoch….
Auch den um drei Wochen verspäteten Schuljahresbeginn mag ich mir in Deutschland nicht vorstellen. Dafür werden wir am Donnerstag – inshallah – auf die Sinai-Halbinsel reisen, wo wir uns auf interessante Eindrücke in Sharm el Sheikh und Dahab freuen.
إن شاء الله
25.08.2022
Stadtrundfahrt Sheikh Zayed City
Dieser Tage haben wir das Abschiedsgeschenk der Bammentaler GRÜNEN eingelöst: eine Stadtrundfahrt in Sheikh Zayed City. Tarek, ein Studienkollege von Kevin, und sein Freund Omar haben uns zwei Stunden lang kreuz und quer durch die Stadt gefahren. Der Architekt Omar hat uns sehr kompetent die Entwicklung und das Wachsen der Satellitenstadt seit den 90er Jahren erklärt: die einzelnen Quartiere für Menschen mit unterschiedlichen Einkommen; die verschiedenen Einkaufsviertel und die Monorail, die sich gerade im Bau befindet (https://en.wikipedia.org/wiki/Cairo_Monorail).
Abschließend wurden wir noch zu einem opulenten ägyptischen Abendessen eingeladen.
22.08.2022
Sheikh Zayed City, unser neues Zuhause
In den letzten Jahrzehnten wurden aufgrund des Bevölkerungswachstums zahlreiche neue Vorstädte in die Wüste gebaut. Sheikh Zayed ist eine dieser Städte. Sie entwickeln sich rund um eine Tankstelle, die an der Wüstenstraße liegt. Zuerst kommen Restaurants, Geschäfte und Supermärkte. Dann erschließt ein Investor das angrenzende Gebiet im großen Stil und die Wohnhäuser werden gebaut. Dabei wird vor allem Wohnraum für die mittlere und obere Einkommensschichten errichtet. Es sind „Gated communities“, wo das ganze Viertel umzäunt ist. Zugang erhält man durch das Wachpersonal an der Schranke der Zufahrtsstraße. Innerhalb des Viertels werden die Straßen sauber gehalten, es gibt in bisschen öffentliches Grün und eine Einkaufzeile mit Restaurants. Ein eigentliches Zentrum, wo man Leute trifft und Begegnung statt findet, sucht man vergeblich. Die pulsierende Altstadt ist gut eine Autostunde weit weg. Aber wenn man die Wahl hat, zwischen fünfzehn Minuten Fußweg oder mindestens einer Taxistunde pro Richtung, dann war uns die Nähe zur Schule wichtiger als zur Altstadt. Dafür werden wir am Wochenende in das pulsierende Leben Downtown, bei den Pyramiden und in den alten Stadtvierteln eintauchen.
Morgen werden wir den Mietvertrag für eine ständige Bleibe unterzeichnen, eine kleine möblierte Wohnung mit Dachterrasse.
Neu entstandene Geschäftszeile am Rande der Waslet Dahshur Rd.
23.08.2022
Kairo – ein Überblick mit einigen Fakten
Kairo ist die Hauptstadt Ägyptens, Sitz der Regierung und wirtschaftliches sowie kulturelles Zentrum des Landes einschließlich zahlreicher teilweise seit Jahrhunderten renommierter Universitäten.
Die Lebensader Ägyptens, der Nil, führt durch die Stadtmitte.
Direkt an der Stadtautobahn, nur wenige Kilometer von der Altstadt entfernt, befinden sich die Pyramiden.
Der Großraum Kairo hat einen Durchmesser von ca. 100 km, gekennzeichnet über weite Strecken durch eine unendliche Ansammlung von ockerfarbenen Häusern. In diesem Ballungsraum lebt circa ein Drittel der gesamten Bevölkerung Ägyptens. Aktuell dürfte die Stadt ca. 26 Millionen Einwohner haben, genau weiß das aber niemand. Sicher ist, dass es die bevölkerungsreichste Stadt im Nahen Osten - und auch in ganz Afrika - ist. Jährlich kommt durch natürliches Bevölkerungswachstum und Landflucht ein geschätzter Zuwachs von einer Million Menschen hinzu.
Mobilität bedeutet vor allem Individualverkehr. Die einzige Eisenbahnline ist veraltet, drei U-Bahnlinien versorgen nur einzelne Stadtteile, nur wenige Linienbusse sind unterwegs. Der Rest wird von Kleinbussen und Taxis bewältigt - was zu heillosen Staus führt.
21.08.2022
Schulstart – oder nicht
Am Sonntag, dem ersten Arbeitstag der Woche in Ägypten, startete Anette in der Deutschen Schule Beverly Hills. Noch gibt es keine Schüler*innen – fünf Tage lang stehen die unterschiedlichsten Konferenzen auf dem Programm. Das ist auch dringend notwendig, denn ein großer Teil des Kollegiums ist neu an der Schule. Die Atmosphäre ist sehr herzlich und offen. Da kann man sich auf Anhieb wohlfühlen. Fast alle Lehrkräfte sprechen Deutsch, da alle Fächer - außer dem Arabisch- und Religionsunterricht - auf Deutsch unterrichtet werden.
Anette wird neben der Aufgabe als Stufenleiterin der Grundschule auch eine zweite Klasse übernehmen. Diese Klassenstufe ist für sie ein sehr vertrautes Feld, in dem sie die letzten Jahre intensiv gearbeitet hat. Sogar das Jojo-Lehrwerk für das Fach Deutsch ist das gleiche wie in Bammental. Was da wohl alles anzupassen ist, damit die Lebensrealität der ägyptischen Kinder und der Anspruch, deutsche Bildung zu transportieren, zu einander passen?
Der erste Tag begann gleich mit einer großen Überraschung: Das ägyptische Ausbildungs-(=Kultus)Ministerium hat verfügt, dass alle Schulen erst am 18. September öffnen dürfen. Grund ist wohl die Einführung eines neuen Bildungsplans und den noch nicht vorhandenen benötigten Lehrwerken. Obwohl es die Deutsche Schule eigentlich nicht betrifft, da hier nach dem thüringischen Lehrplan mit deutschen Lehrwerken gearbeitet wird, tut leider nichts zur Sache.
Bis Anette die ersten Schulkinder sieht, werden also leider noch drei Wochen ins Land gehen!
19.08.2022
Von Brot, Obst, Gemüse
Direkt vor unserer Ferienwohnung beginnt eine Einkaufszeile mit zahlreichen kleinen Geschäften, die den alltäglichen Bedarf decken. Die Läden sind bis spät in die Nacht geöffnet. Von Brot, Obst, Gemüse über Elektroartikel, Haushaltswaren und Möbel bis zu Handwerksbetrieben wie Friseur und Autowerkstatt ist alles zu finden.
Besonders begeistert sind wir von den Bäckereien, die neben den luftigen dünnen Brotfladen ganz unterschiedliche süße und salzige Backwaren in ihrer Backstube produzieren, täglich variierende Sorten an Hefeteigbrötchen, Blätterteiggebäck und Mürbteigteilchen.
Auch zahlreiche lokale Garküchen mit ihren orientalischen Gerüchen lassen uns Ägypten mit allen Sinnen erfahren und sorgen für tolle kulinarische Erlebnisse. Das Nationalgericht ist Koshery, ein nahrhafter Eintopf aus Reis, Spaghetti, Makkaroni, Kichererbsen, Linsen und Reis. Die Zutaten werden meist separat gegart, dann gemischt und mit Essig, Tomatensauce, Knoblauch und Röstzwiebeln gewürzt.
18.08.2022
Heute war Schnuppertag
Heute war Schnuppertag für die neuen Lehrkräfte an der Deutschen Schule Beverley Hills.
Der Schulleiter und sein Stellvertreter haben uns eine kompakte Einführung in Land und Leute gegeben. Ständiger Wechsel und große Vielfalt gehören zur DNA des Kollegiums. So beginnen fünf weitere Lehrkräfte gemeinsam mit mir das neue Schuljahr, alle mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen und Lebensgeschichten. Ines, eine Ägypterin aus Wien, und Sarah aus Salzburg sind Grundschullehrerinnen mit zweijähriger Berufserfahrung. Rebekka hat gerade ihr Referendariat als Gymnasiallehrerin in Bremen abgeschlossen und wird in einer vierten Klasse eingesetzt werden. Amal, gebürtige Marokkanerin, hat in Köln in unterschiedlichen sozialen Feldern - u. a. als Schulbegleiterin, Familienhelferin und Aushilfslehrkraft - gearbeitet. Sie wird jetzt erstmalig eine dritte Klasse unterrichten. Abdo, ein Jemenite, und seine Frau Daniela sind zusammen mit ihren beiden Töchtern gekommen. Beide sind Sozialpädagog*innen, weil aber in der Sekundarstufe ein Mathelehrer gebraucht wird, sattelt Abdo um, während seine Frau als Schulsozialarbeiterin arbeiten wird. Eine bunt gemischte Truppe, die durch viel Potential und eine große Bandbreite gekennzeichnet ist. Auf den damit verbundenen Erfahrungsaustausch freue ich mich sehr.
Außerdem werden noch 12 Lehrkräfte aus Ägypten dazustoßen.
Damit es eine gemeinsame Grundlage gibt, startet das Kollegium mit einer Konferenzwoche. Erster Arbeitstag ist übrigens am Sonntag, wie in Ägypten üblich.
15.08.2022
Hier wohnen wir derzeit
Für die nächsten zwei Wochen werden wir im Tree House wohnen. Das ist das kleine, dunkle Giebelhäuschen ganz oben.
Morgen haben wir die erste Besichtigung für eine Wohnung "auf Dauer".
14.08.2022
Wir nähern uns einem Land mit großer Geschichte, die überall präsent ist
Selbst die sonst von einer Stewardess nüchtern vorgetragenen Sicherheits-hinweise werden bei Egypt Air im altägyptischen Stil präsentiert.
Auch die Beantragung einer schnöden Einreisegenehmigung wird von Nofretetes Bildnis geziert.
Sogar die Hauswand des Novotels macht es nicht ohne historische Reminiszenzen.
Heute geht's los...
Am 14. August startet unser Projekt "Kairo"!